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Was ist buddhistisches Tantra?


Die vielen buddhistischen Lehrtraditionen können grob qualifiziert werden in den älteren Sutra-Buddhismus (unterteilt in Hinayana und Mahayana) und den später entwickelten Tantra-Buddhismus oder tantrischen Buddhismus. Tantrischer Buddhismus wird üblicherweise mit "tibetischem Buddhismus" gleichgesetzt, vor allem, weil dessen zeitgenössische Meister großteils aus dem tibetisch-buddhistischen Kulturraum stammen (also aus Tibet, Nepal, Bhutan, Ladakh und Sikkim). Ich verwende in meiner Praxis und meinen bisherigen Publikationen lieber den Begriff "buddhistisches Tantra", dieser ist auch im Titel meines Buchs "Buddhistisches Tantra meistern" enthalten.

Warum halte ich den Begriff "buddhistisches Tantra" für richtiger und angemessener für dieses Gebiet von Geistestraining?

Trotz der Vielzahl und großen Unterschiedlichkeit der buddhistischen Schulen ist es im Grunde einfach zu definieren, was unter einer buddhistischen Lehre zu verstehen ist. Allerdings ist zu bedenken, dass eine Definition von Buddhismus Gefahr läuft, nichtssagend oder rein formal zu sein oder eben der methodischen Verschiedenheit der vielen Buddhismen nicht Genüge tut.

Was das Tantra betrifft, ist die Lage wesentlich schwieriger. Es gibt hier nicht nur eine noch größere Vielzahl an Schulen - im Übrigen mehr nicht-buddhistische als buddhistische-, es ist auch die Abgrenzung zu nicht-tantrischen Methoden schwer möglich. Positiv formuliert: Es ist schwer, zu sagen, was der gemeinsame Nenner aller tantrischen Methoden und philosophischen Sichtweisen ist. Der Begriff ist amorph und schwammig, die tantrischen Quellen reflektieren auch kaum den Unterschied zu anderen Methoden, sondern sind häufig so verfasst, als existiere nichts außerhalb der Welt des entsprechenden Textes. Tantra wurde als Oberbegriff erst entwickelt, als es schon eine Menge Tantras gab, die häufig auf den ersten Blick kaum Gemeinsamkeiten haben. Im Folgenden will ich nicht auf die vielen Details dieser Fragen eingehen, sondern nur eine von mir entwickelte Definition von buddhistischem Tantra geben und in groben Zügen begründen. Die Diskussion der Details erfolgt in meinem Buch.


Zum Begriff Buddhismus

Buddhismus ist ein geistiges Training, dessen erfolgreiche Durchführung zu einem bleibenden Zustand des Geistes führt, der weniger leidet und damit auch weniger Leiden verursacht als der Ausgangszustand. Als letztes Ziel wird vom Begründer der Lehren, dem historischen Buddha Shakyamuni, sogar die völlige Befreiung vom Leiden angegeben. So verstanden ist Buddhismus weder eine Religion, welche einen Glauben an höhere Mächte oder spirituelle Wahrheiten enthält, noch eine Philosophie, welche allgemeine Aussagen über den Menschen, dessen Geist oder die Welt macht, die mit Hilfe des Intellekts verstanden werden können. Das Training führt zu Erfahrungen und zu neuen Möglichkeiten des Geistes. Ohne sich dem Training tatsächlich für längere Zeit selbst zu unterziehen, ist ein Verständnis von keiner Form von Buddhismus möglich.
Es ist mir bewusst, dass Buddhismus in den asiatischen Ländern, in denen er eine kulturelle Rolle spielt, gemeinhin als Religion verstanden wird, ebenso von den meisten Europäern, die sich dem Buddhismus zugewandt haben, aber ich halte dieses Verständnis für sehr begrenzt. Buddhismus gilt als "Weltreligion" aufgrund der großen Zahl der Anhänger, aber das hängt damit zusammen, dass es zwar viele Anhänger des Buddhismus gibt, aber nur ein vergleichsweise winziger Teil sich tatsächlich dem Übungsweg vollständig unterzieht und ein noch kleinerer Teil dieses Teils das Resultat der Leidfreiheit tatsächlich erreicht. Nur diejenigen aber, die das Resultat erlangt haben oder zumindest schon recht nahe daran sind, können aus eigener Erfahrung wissen, wohin die buddhistischen Lehren führen, alle anderen können nur glauben, dass diese Erfahrungen möglich sind. Der historische Buddha legte aber höchsten Wert darauf, dass alle seine Schüler die zentrale Erfahrung seiner Lehren tatsächlich selbst machten. Außerdem soll jeder Schüler die Richtigkeit seiner Aussagen überprüfen, "wie ein Goldschmied das Gold auf Echtheit überprüft" - ich kenne keinen anderen Religionsgründer, der sich derart an die Vernunft und das kritische Urteil wendet.

Auch die späteren Meister des Mahayana- und ganz besonders des Tantra-Buddhismus- legten Wert darauf, dass jeder Schüler das Ziel tatsächlich erfuhr. In den Tantra-Texten ist immer wieder von Erleuchtung in diesem einen Leben die Rede. Diese strenge und klare Haltung, die sich dadurch auszeichnet, dass die Praxis zumindest in der deutlichen Mehrzahl der Fälle zum angestrebten Resultat führen muss, wurde allerdings im Lauf der Jahrhunderte immer mehr und mehr verwässert. Genau so entstand buddhistische Religion im Unterschied zum Training: Man glaubt jetzt daran, dass es möglich wäre, Leidbefreiung zu erlangen, denkt aber gleichzeitig, dass man dieses Ziel - zumindest "in diesem Leben" - nicht erreichen kann, weil es einfach zu fern liegt oder zu schwierig zu erreichen ist. Beliebt ist auch der Glaube, dass der eigene Meister die Befreiung erlangt hat, man aber selbst dazu nicht in der Lage wäre. Auch die anderen Schülerinnen und Schüler des Meisters schaffen es nie. Es wird ein unerreichbar erhabenes Ideal konstruiert und Menschen verehren dieses: Eine Religion, eine sogenannte "Hochreligion" im Unterschied zu den mehr realistischen indigenen Religionen ist geboren.

Für mich machen Ziele, die nicht erreichbar sind, prinzipiell keinen Sinn. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass der befreite Zustand, welchen der Buddha und die alten Meister des Sutra- und Tantra-Buddhismus erlangt haben, tatsächlich erreichbar ist- für jeden Menschen, der sich ernsthaft und stetig darum bemüht. In "diesem Leben" natürlich, ob es überhaupt vergangene und zukünftige Leben gibt, ist Gegenstand wortreicher Spekulationen, aber es gibt dafür keine wissenschaftlich haltbare Evidenz. Statt sich in diesem einen Leben erreichbare Ziele zu setzen, von einem Ziel zu träumen, welches erst im nächsten oder noch späteren Leben erreicht wird, ist typisch für Religionen mit irgend einer Form von Jenseits- oder Wiedergeburtsglauben, bringt aber gar nichts für die Erfahrung der Möglichkeiten in diesem derzeitigen real stattfindenden Leben.

Daher ist Buddhismus für mich keine Religion, sondern ein Training oder ein Übungsweg, genauso wie Training für Spitzenleistungen im Sport, für den virtuosen Einsatz eines Musikinstruments oder auch in der Wissenschaft stattfindet. Da sich durch gezielte Methoden entsprechende Resultate zeigen, sind auch die buddhistischen Übungen ein Training, welches den Geist dauerhaft zu erweiterten Möglichkeiten führt - wobei es ähnlich wie in der Wissenschaft kein Ende gibt. Der Buddhismus ist nämlich nicht eine für immer gültige, tiefgründige Lehre über die Natur des menschlichen Bewusstseins, sondern diese Lehre hat sich seit 2500 Jahren ständig dynamisch weiter entwickelt und steht jetzt durch die Berührung mit westlicher Wissenschaft (von der Natur des Bewusstseins) vor einem neuen Sprung in der Entwicklung, von dem noch niemand sagen kann, wohin er führt. Soweit zu meinem Verständnis von Buddhismus, von jeder Art von Buddhismus, auch vom tantrischen Buddhismus. Ich bin mir dessen bewusst, dass die Abgrenzung Religion zu Übungsweg weiterer Erläuterungen bedarf. In meinem Buch werde ich Grundzüge einer "Theorie des Geistestrainigs" (im Gegensatz zum Glauben) anhand des buddhistischen Tantra darstellen.

Definition Buddhismus

Buddhismus enthält Übungen, deren Praxis zu einem höheren Bewusstseinszustand führt, welcher reicher an Möglichkeiten ist als der Ausgangszustand. Das letzte Ziel des Weges ist die Befreiung durch die Erfahrung der inneren Natur des Bewusstseins, im Urbuddhismus synonym mit der "Befreiung vom Leiden". Dieses Ziel ist für jeden Menschen, der sich darum bemüht, in absehbarer Zeit zu erreichen. Es ist nicht erforderlich, dafür auf Beruf und Sexualität zu verzichten (d. h. den Status eines Mönchs bzw. einer Nonne anzunehmen), gerade der tantrische Buddhismus richtet sich nicht an Mönche und Nonnen, er wurde auch nicht von Mönchen entwickelt.


Zum Begriff Tantra

Es erscheint mir unmöglich, eine allgemeine Definition zu geben. Der Begriff ist in Raum und Zeit sehr breit angelegt, Tantra gibt es innerhalb einiger Übungswege, die sich ihrerseits in einem Übergang oder Austausch mit Religionen befinden. Diese Übungswege stellen oft eine Art von Geheimlehren innerhalb dieser Religionen dar, sie bedürfen ständiger Praxis und erschöpfen sich nicht im Glauben, siehe das bereits zum Thema Buddhismus Gesagte.
Es gibt hinduistische Tantras, wobei Hinduismus ein von den englischen Kolonialbeamten geprägter Begriff für alle in Indien heimischen Religionen ist, abgesehen von Christentum und Islam. So wie es Shivaismus gibt, gibt es tantrischen Shivaismus, das gleiche gilt für Vishnu/Krishna, Ganesh, die Mahadevi und andere hinduistische Strömungen. Die Jains, eine andere indische "Hochreligion", haben ihre Tantras, ebenso die tibetische Bön-Religion, stark beeinflusst allerdings vom tantrischen Buddhismus. Tantras existieren in dutzenden Sprachen, der geografische Raum, in dem Tantras praktiziert wurden, erstreckt sich von Sri Lanka bis Sibirien, von den buddhistischen Kalmücken am kaspischen Meer bis nach Japan, in südöstlicher Richtung von Indien aus gesehen nach Thailand, Vietnam, Kambodscha bis nach Indonesien.

Tantras werden im Zeitraum 300 - 800 n. Chr. entwickelt, einige auch deutlich später, sie erreichen im Zeitraum 800-1200 einige Hochblüten (jede Linie zu einer anderen Zeit), dann erfolgt ein langsamer Prozess der Degeneration. Viele Übermittlungslinien gehen für immer verloren, in vielen Ländern sterben tantrische Kulturen vollständig aus (so im Raum Thailand, Vietnam, Kambodscha), viele Linien leben allerdings jahrhundertelang in verborgenen Kleingruppen weiter, wodurch es zu überraschenden Wiederbelebungen im 20. Jahrhundert kommen kann, so erfährt zum Beispiel der kashmirische tantrische Shivaismus derzeit eine Wiederbelebung, auch durch westliche Gelehrte, die sich mit Übersetzungen befassen.
Der indische tantrische Buddhismus wurde von Tibet importiert und überlebte im über Tibet hinausgehendem tibetisch-buddhistischem Kulturraum, allerdings in einer in den Klöstern bis zur Unkenntlichkeit veränderten Form, während er in Indien beinahe vollständig zum Erliegen kommt.

Der Begriff Tantra ist allerdings nicht nur zeitlich-räumlich ausgebreitet, sondern auch sehr "tief" angelegt, insofern er viele Stufen und Sichtweisen umfasst. Tantras enthalten Volksmagie der vielen beteiligten Ethnien, diese Methoden lassen sich in Indien gesichert bis in die vedische Zeit verfolgen (ab 1500 v. Chr.). Es geht um magische Praktiken, um sich das Leben zu erleichtern, von Wetterzauber über Geburtshilfe bis zu Kriegs- und Schadenszauber. Tantras enthalten Anrufungen von einer riesigen Anzahl von Göttern und Geistern (die Grenzen verschwimmen oft) mit Hilfe von Mantras, Visualisationen, speziellen Bildern, Gegenständen und Diagrammen, dem Gebrauch von Farben, Düften, Musik, komplizierten Opfergaben und so weiter - aber auch die nicht-tantrischen, "orthodoxen" indischen Religionen enthalten derlei. Die so genannten inneren oder höheren Tantras gehen dabei so weit, dass die Übenden sich allein oder in Gruppen vollständig mit der angerufenen Gottheit identifizieren, was zur Herausbildung von höheren Bewusstseinskräften führt - spezifisch für jede Gottheit. Tantras enthalten Übungen, die sich auf das sogenannte feinstoffliche Energiesystem beziehen, den Zentralkanal, die Seiten- und Nebenkanäle und die Energiezentren - aber ähnliches gibt es auch in einigen Formen von Yoga. Tantras enthalten sexuelle Übungen und Rituale - so etwas gibt es kaum außerhalb der Tantras, aber das darf keineswegs zur Gleichsetzung von Tantra mit sexuellen Praktiken führen, wie das im westlichen Neo-Tantra gemacht wird.

Zuletzt und auf dem höchsten Niveau enthalten Tantras ausgefeilte philosophische Lehren und vor allem Übungen, diese Lehren zur eigenen Erfahrung zu machen, Lehren über Ich-Losigkeit, Leerheit, Nondualität, ursprüngliche Reinheit aller Phänomene, die Natur und die Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins, von denen viele dem Nicht-Praktizierenden normalerweise verborgen bleiben. Auch diese Dinge gibt es außerhalb der Tantras. Abgesehen vom sexuellen Element scheint es noch eines zu geben, welches nur in den Tantras, allerdings nur in einem Teil davon, vorzukommen scheint: Methoden, welche gesellschaftliche oder religiöse Konventionen in Frage stellen oder sogar Tabus brechen. In den religiös orthodoxen Kreisen Indiens reicht es dazu bereits, Fleisch zu essen, Alkohol zu trinken oder sexuellen Kontakt außerhalb der Ehe oder gar mit einer Person einer anderen Kaste zu haben, dementsprechend werden genau diese Dinge in bestimmten tantrischen Ritualen ausgeführt.
Es handelt sich bei diesen Konventionen um psychologische Hemmungen, welche der Erkenntnis der Nondualität entgegen stehen. Bei uns sind das natürlich andere Dinge als in Indien. Im Westen des 21. Jahrhunderts ist es wahrscheinlich ein Tabubruch, nicht an die Segnungen des Finanzmarkts zu glauben oder die Wahrheit der Verlautbarungen unserer Regierungen? Tantra in Indien war jedenfalls eine im Geheimen ablaufende gesellschaftlich subversive Angelegenheit. Bewusstseinserweiterung erfolgt häufig genau dann, wenn wir Dinge tun, die wir normalerweise nicht tun oder noch nie getan haben.

Dieser Überflug über die Welt der Tantras sollte zeigen, dass eine klare Definition des Tantra-Begriffs weder möglich noch sinnvoll ist.

Tantrischer Buddhismus ist Buddhismus, welcher sich aus dem älteren Sutra-Buddhismus entwickelt hat, dieser umfasst die Lehrreden des historischen Buddha und die später enstandenen Mahayana-Sutras anonymer Autoren. Die zentralen Lehrbegriffe im Sutra-Buddhismus sind Ich-Losigkeit und Leerheit, diese Begriffe werden inklusive zugehöriger Meditationen in meinem sechteiligem Skriptum

Grundlagen des buddhistischen Tantra

genau erklärt. Tantrischer Buddhismus beruht auf diesen Grundlagen, verwendet aber alle oben aufgezählten tantrischen Methoden. Er kennt viele Gottheiten, männliche, weibliche und solche in sexueller Vereinigung, die alle als Erscheinungsformen des einen "transzendenten" Buddha-Prinzips gelten, als dessen menschliche Verkörperungen der historische Buddha, aber auch die frühen Meister der buddhistischen Tantras erscheinen. Er kennt auch viele Geister, von erleuchteten Wesen wie den "Lehrbeschützern" (Dharmapala) angefangen herunter bis zu allerlei zunächst übelwollenden Dämonen, die von den buddhistischen Magiern (den Siddhas) ähnlich in den Dienst gezwungen werden, wie das bei den hinduistischen Tantra-Adepten geschieht (manchmal auch Siddhas genannt, es gibt viele andere Bezeichnungen). Das erscheint uns vielleicht befremdlich, hat aber einen konkreten Sinn und bringt viele nützliche Dinge auf der weltlichen und der spirituellen Ebene gleichermaßen. Die "Geister" können natürlich als innerpsychische Kräfte betrachtet werden, daraus ergibt sich, dass bei der Anwendung dieser Praktiken durch Europäer der heutigen Zeit grundlegende, aber durchaus mögliche und schlüssige Änderungen erforderlich sind. Das Bezwingen von Geistern kommt ja auch in der "westlichen magischen Tradition" vor, die ebenso diffus definiert ist wie Tantra.


Warum bestehe ich nun darauf, in meiner Arbeit statt über tantrischen Buddhismus über buddhistisches Tantra zu forschen? - weiter zu Teil 2


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