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Tantra - Verwirrungen und Erleuchtungen



Da der Begriff Tantra mittlerweile mit sehr verschiedenen Bedeutungen assoziiert wird, werde ich folgende Differenzierungen gebrauchen:

Tantra ist ein Oberbegriff für eine Vielzahl geheimer religiöser Lehren, welche von Mund zu Ohr überliefert werden. Es gibt buddhistisches Tantra und hinduistisches, beides stammt aus Indien. (Auch die indische Jain-Religion kennt Tantras sowie die tibetische nicht buddhistische Bon-Tradition, bei beiden ist die Quellenlage in westlichen Sprachen so dürftig, dass sie in der folgenden Betrachtung außer Betracht bleiben).

Ursprüngliches Tantra


Das buddhistische Tantra und das Hindu-Tantra weisen gemeinsame Merkmale auf:
  • es gibt eine ausgefeilte Philosophie über die Natur des Bewusstseins, welche durch meditative Praxis erfahren werden kann.
  • es gibt eine große Anzahl von Gottheiten, Mantras, Mandalas, rituelle und magische Praktiken.
  • es gibt rituell-meditative Praktiken, die mit einer sexuellen Vereinigung einhergehen. Sowohl in der tantrischen Literatur als auch in der dazu gehörigen Praxis ist nur ein geringer Teil der Vereinigungspraxis gewidmet (d.h. es geht nicht primär um Sex).
  • es gibt das Erfordernis regelmäßiger, üblicherweise täglicher Praxis, genauso wie in den verschiedenen Disziplinen des Yoga, mit denen etliche Überdeckungen bestehen (man spricht auch vom tantrischen Yoga oder Tantriker als Ausübenden)
  • diese Übung wird von einem Lehrer angeleitet, der seinerseits über eine lange und intensive Ausbildung verfügen muss, ein wesentlicher Teil dieser Ausbildung besteht aus (kurzen oder längeren) Retreats, die zur Gänze der Praxis gewidmet sind.
  • das Ziel besteht zunächst im Erlangen von höheren Bewußtseinskräften (Siddhi), letztlich aber in einer Erfahrung der inneren Natur des menschlichen Bewußtseins, diese Erfahrung ist in mehrere Stufen unterteilt, von den höchsten Stufen wird gesagt, dass es sich dabei um die vollständige Verwirklichung des menschlichen geistigen Potentials handelt.
  • im Gegensatz zu den exoterischen indischen religiösen Strebungen, bei denen Elemente von Askese (dem Verzicht auf Sinnesreize) und des Kampfes gegen als negativ empfundene Geisteshaltungen (wie Gier, Hass) enthalten sind, geht es in den esoterischen tantrischen Lehren immer darum, die Freude an den fünf Sinnen und die Leidenschaften in den Pfad zu integrieren. Dabei stellt die Freude an der sexuellen Vereinigung ein wesentliches Mittel dar, um den tantrischen Pfad zu beschreiten, dieser umfasst aber wesentlich mehr als sexuelle Vereinigung.

Um nicht ständig von buddhistischem und hinduistischen Tantra schreiben zu müssen, wenn ich indische tantrische Tradition meine, fasse ich beide unter dem Begriff "Ursprüngliches Tantra" zusammen.

Ursprüngliches Tantra bezeichnet eine Vielheit indischer spiritueller Disziplinen, welche durch beständige Übungen in Meditation, Yoga und Ritual zu einem dauerhaft bleibenden höherem Bewusstseinszustand führen, der mit ekstatischer Freude und tiefer Erkenntnis verbunden ist, wobei die Leidenschaften als Mittel des Pfades benutzt werden.

Der sogenannte tibetische Buddhismus (eine Bezeichnung, die von Tibetern niemals verwendet wird) hat sich in Tibet aus dem indischen buddhistischen Tantra entwickelt, hat aber damit nur noch eine historische Verbindung. Tibetische Meister sind mehrheitlich Mönche oder Nonnen, das heißt das wesentliche Merkmal der Verwendung der sexuellen Energie, die nun einmal zum Tantra gehört, ist nicht gegeben. Oder sie sind nicht-zölibatäre "tantrische Yogis bzw. Yoginis" (tib. Ngakpa, eine kleine Minderheit unter den tibetischen Lehrern) aber auch diese praktizieren und lehren im allgemeinen nicht ursprüngliches Tantra, sondern eine stark dualistische religiös-monastische Spätform desselben, welche die Leidenschaften negativ bewertet und unterdrückt. Das indische buddhistische Tantra ist in Indien fast nicht mehr existent, im Westen gibt es nur sehr wenige Anbieter, die wirklich damit arbeiten (im deutschsprachigem Raum gehöre ich selbst zu diesen wenigen).

Neo-Tantra

Im Westen wurde ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Begriff Tantra vollkommen anders gedeutet, einer der Urheber dieser Deutung war der im Westen aktive Inder Bhagwan Shree Rajneesh (später Osho genannt). Obwohl Bhagwan ein Inder war, handelt es sich dabei um kein ursprüngliches Tantra, sondern um etwas völlig anderes. In der Zeit nach Osho entwickelte sich das Neo-Tantra in viele Richtungen, doch auch hier sind mehr oder minder stark ausgeprägte gemeinsame Merkmale festzustellen:
  • die sexuelle Praxis steht von Anfang an im Mittelpunkt, so sehr, dass das Wort Tantra in die westliche Alltagsprache übernommen wurde, mit der eindeutigen Assoziation zu asiatischer sexueller Praxis, insbesondere lang anhaltendem und ekstatischem Sex.
  • es findet eine Vermischung mit vielen Arten von westlichen psychotherapeutischen Methoden statt, manchmal seriös und mit entsprechender Ausbildung der Lehrer, manchmal sehr unseriös wie zum Beispiel mit der äußerst umstrittenen Familienaufstellung nach Hellinger (mehr zur Kritik an der Familienaufstellung hier).
  • es gibt Körperarbeit, Massage, Atemübungen und ähnliches, aber alles nur als Vorbereitung für längere und beglückendere sexuelle Akte.
  • es gibt meistens keinen philosophischen bzw. religiösen Hintergrund wie im ursprünglichen Tantra, viele Anbieter haben niemals einen autorisierten Lehrer einer buddhistischen oder hinduistischen tantrischen Überlieferungslinie zu sehen bekommen, daher gibt es auch keine Notwendigkeit zu täglicher Übung. Manche Anbieter sind zwar irgendwann bei einem Lehrer für ursprüngliches Tantra gewesen, sind aber weit davon entfernt, wirklich eine systematische Ausbildung in diesen Lehren erhalten zu haben bzw. ursprüngliches Tantra weiter zu geben. Es werden zwar einige indische Mantras oder die Bezeichnung Shiva und Shakti für die beteiligten Männer und Frauen verwendet, aber im allgemeinen gibt es weder Informationen über die Hintergründe noch entsprechende Praxis, viele Behauptungen in der e.t. Tantra Literatur sind irreführend bis komplett falsch, wie zum Beispiel die häufige Gleichsetzung der Kundalini-Kraft mit "sexueller Energie".

Für Neo-Tantra gibt es offenkundig einen hohen Bedarf im Westen, ich bewerte das in keiner Weise negativ, es geht mir nur um die Differenzierung bezüglich des Begriffes Tantra. In dem bekannten Neo-Tantra-Magazin "Connection" gab es vor Jahren einige Artikel über ursprüngliches Tantra, woraufhin erboste Briefe bei der Redaktion eintrudelten, dass dieses indische religiöse Zeugs mit dem Erfordernis täglicher yogischer Praxis wohl kein Tantra sein könne - das Ei beschwert sich über die Existenz der Henne. Ich habe sogar schon eine Tantra-Webseite gefunden, die eine ausdrückliche Distanzierung von indischer Religion enthält - das gleicht der Distanzierung einer Bank vom Geld.
Das sind absurde Auswüchse, aber es gibt im Westen nun einmal Neo-Tantra, die Qualität der Anbieter ist äußerst verschieden und steigt von Leuten mit tiefem Wissen hinab bis zu rein kommerziellen Unternehmungen, nicht selten von Leuten durchgeführt, deren "Ausbildung" aus ein paar Wochenendworkshops besteht.
Dieses Qualitätsproblem gibt es aber im mit dem Tantra-Begriff arbeitenden tibetischen Buddhismus genauso, das untere Ende besteht hier oft aus sektiererischen Unternehmungen, immer erkenntlich an Veranstaltungen mit zahlreichen Teilnehmern, langen Listen von "Zentren" und der großen Wichtigkeit des Meisters der Lehre - oft mit diversen Titeln, angeblichen "früheren Leben" und leider oft wichtiger als die Lehre selbst. Jedenfalls gibt es für keine Seite einen Grund, aufgrund von Qualitätsmängeln auf die andere Seite herabzublicken.

Im folgenden wird vom häufigsten Fall einer sexuellen Verbindung von Frau und Mann gesprochen, für gleichgeschlechtliche oder bisexuelle Vereinigungen gilt alles Gesagte sinngemäß.



Ich behandle nun zwei bedeutende grundlegende Irrtümer im Tantra, um anhand dieser Abgrenzungen zu zeigen, was erotisches Tantra im Sinn von ursprünglichen Tantra ist oder sein sollte.

Tantramassage

In großen Städten im Westen findet man problemlos Anbieterinnen von "Tantramassage". Zum Teil handelt es sich dabei um reine Prostitution, Tantramassage ist dann eine Tarnbezeichnung für manuelle Stimulation des Mannes bis zum Orgasmus, oft sind auch andere sexuelle Dienstleitungen möglich. Diesen Teil will ich nicht weiter beleuchten, es handelt sich um reinen Etikettenschwindel. Zum anderen Teil aber handelt es sich um weit überwiegend weibliche Anbieterinnen, die eine Neo-Tantra-Ausbildung oder eine meist von solchen Anbietern ausgehende Tantramassage-Ausbildung absolviert haben (wie gesagt, mit großen Qualitätsunterschieden). Angeboten wird eine liebvolle, zärtliche, langsame Massage und sexuelle Stimulation des ganzen Körpers, unterstützt mit Musik, Räucherwerk, Duftölen und so weiter, die Masseurin ist genauso nackt wie der Massierte, der Massierte muss aber ganz passiv sein, eine sexuelle Interaktion mit der Masseurin ist nicht vorgesehen (und wird von dieser normalerweise strikt unterbunden, so steht es meistens schon im Angebot). Auch dafür gibt es einen hohen gesellschaftlichen Bedarf, und es gibt nicht wenige Männer, für die das befriedigender ist als der Kontakt mit einer Prostituierten (es ist im Verhältnis zur eingesetzten Zeit und der Qualität des Erlangten oft auch billiger). Ich will das nicht negativ bewerten, es ist so wie es ist, besser als wegen Mangel an körperlichem Kontakt frustriert, krank oder gar aggressiv zu werden, ist es sicherlich.

Aber eines sollte sowohl den Anbieterinnen als auch den Konsumenten dieser Dienstleistungen klar sein: Sowohl die sexuellen Rituale des urprünglichen Tantra als auch die generelle Philosophie des Neo-Tantra streben ein ganzheitliches sexuelles Erleben an. Der Körper soll angenehme Erfahrungen machen können und sich ohne Beschränkungen natürlich in die Freude entspannen, der Geist soll gleichzeitig voller Liebe und Vertrauen sein, es soll eine Verschmelzung der Partner auf allen Ebenen stattfinden, idealerweise auch im Neo-Tantra mit einer spirituellen Komponente - der Verschmelzung zu einem Bewusstsein als Praxis religiöser Hingabe. Wie soll das möglich sein, wenn für dieses Ereignis bezahlt wird? Wie soll das möglich sein, wenn die sexuelle Energie wie auf einer Einbahnstraße nur von der Masseurin zum Massierten fließt? Ganz normale gute Erotik ohne Tantra beruht immer auf Geben und Nehmen der Liebenden, wie sollte es bei tantrischer Erotik, die ja eine höhere, bewusstere, geheiligte Form der Sexualität darstellen soll, anders sein? Es handelt sich in Wirklichkeit um eine Form abgetrennter Sexualität, der Körper des Massierten ist getrennt von seinem innersten Wesen, die beiden Beteiligten bleiben getrennt aufgrund von vorheriger Übereinkunft. Tantramassage ist kein Tantra, auch kein Neo-Tantra, da sie die therapeutischen oder spirituellen Ansprüche definitionsgemäß nicht erfüllen kann. Es ist mir vollkommen klar, dass das für den Mann ein sehr angenehmes Erlebnis sein kann, aber einige Zeit später ist das Erlebnis nur noch Erinnerung, eventuell mit dem Bedürfnis, es zu wiederholen. Es bleibt eine innere Leere, weil die Entgrenzung und Vereinigung nicht stattgefunden hat. Auch die Frauen erweisen sich damit keinen guten Dienst, sie müssen Distanz in einer Situation aufrecht erhalten, die das Gegenteil von Distanz erfordert.
Ich bin kein christlicher Konservativer oder ähnliches, sondern ich wage es tatsächlich, mich als tantrischen Yogi zu bezeichnen. Es ist vollkommen in Ordnung, all diese Erfahrungen zu machen, aber es führt nicht dorthin, wozu es führen sollte: Der gleichzeitigen und in ihrer Wirkung dauerhaften Erfahrung von sexueller Befriedigung, liebevoller Verbindung bis zur Verschmelzung und meditativer Ekstase oder Erfahrung des Göttlichen. Die spirituelle Erfahrung bleibt erhalten, wenn sie einmal gewonnen wurde, wenn das nicht der Fall ist, befindet man sich noch am Anfang des Weges dazu.

Es gibt natürlich Situationen, in denen es für einen Mann wirklich am besten ist, eine Tantramasseurin aufzusuchen, und es gibt zweifelsohne auch Tantramasseurinnen, die tatsächlich eine körper-therapeutische Ausbildung vorweisen können (viele von ihnen vermeiden das Wort Tantramassage). Es gibt auch Frauen, die zu einer Frau gehen, um bestimmte Verletzungen und Traumata über einen körpertherapeutischen Ansatz, der eventuell auch die Yoni einbezieht, behandeln zu lassen, dass ist auch völlig in Ordnung - allerdings hat das alles nichts mit Tantra zu tun. In den indischen Quellen der tantrischen Lehren lassen sich keine Massagetechniken nachweisen. Der Begriff ist eine europäische Erfindung des 20. Jahrhunderts, einerseits auf körperorientierten Psychotherapiemethoden (Wilhelm Reich, Jack Painter u. a.) beruhend, andererseits auf Ideen der Neo-Tantra-Szene, eine Verbindung mit einer indischen Tradition bestand niemals. Es sollte dabei auch nicht übersehen werden, dass alle Therapieformen, bei denen die Genitalien der Klientin / des Klienten berührt werden, unter echten Therapeuten sehr umstritten sind, nicht nur wegen der Mißbrauchsmöglichkeiten, sondern grundsätzlich. Ich denke, unsere Gesellschaft soll das der freien Entscheidung der Beteiligten überlassen, das Etikett "Tantra-" ist aber so oder so ein falsches.

Tantramassage wird (ähnlich wie andere sexuelle Dienstleistungen) viel häufiger von Frauen für Männer angeboten als umgekehrt. Auch das zeigt, dass es sich nicht um eine ganzheitliche Erfahrung handelt, denn wäre sie ganzheitlich, gäbe es keinen Grund für ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Es hat schon seine Gründe, dass kaum eine Frau einen Mann dafür bezahlen will, ihre Yoni zu massieren. Sie kann das ohne Bezahlung bekommen, und sie hat eine weniger ausgeprägte Neigung zu abgetrenntem Sex. Ich verbreite hier keine Geschlechterstereotypen, sondern Fakten, die aus der sexualwissenschaftlichen Forschung gut bekannt sind. Selbst in Kulturen, die weibliche Promiskuität nicht vollkommen negativ bewerten oder die keinen hohen gesellschaftlichen Druck zu einer Beziehung als Bedingung von sexueller Interaktion erzeugen, wird man nur einen sehr kleinen Prozentsatz an Frauen finden, die Männer nur als Mittel zur Lusterfüllung benutzen. Man muss im Europa des 21. Jahrhunderts weder heiraten noch eine andere engere Beziehung eingehen, um Sex genießen zu können. Doch immer noch sind es mit überwiegender Mehrheit Männer, die nach Sex ohne Beziehung suchen, und immer noch ist es eine kleine Minderheit Frauen, die diesen Wunsch erfüllen. Diese Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit wird durch weibliche Prostitution gefüllt, und in immer höherem Ausmaß durch Ersatzbefriedigungen wie Pornografie und Masturbation bzw. beides gleichzeitig (auch das ist aus Untersuchungen bekannt).

Männer, die es sich leisten können, suchen manchmal (üblicherweise recht teure) Prostituierte auf, welche "Girlfriend Sex" (abgekürzt GFS auf den einschlägigen Webseiten) anbieten. Hier geht es darum, einen liebevollen sexuellen Akt zu simulieren, die sexuellen Akte werden einvernehmlich ausgeführt, die Liebe wird simuliert, im besten Fall von beiden Seiten. Das ist wunderbar, dass es so etwas gibt (freilich nur für die höheren Kasten unserer Gesellschaft), aber es führt natürlich niemals zu jener Tiefe der Erfahrung, die sich nur jenseits sämtlicher finanzieller Erwägungen manifestieren kann.
Einen Grenzfall bildet eine altindische, heute nicht mehr existente Tradition, welche darin bestand, dass schöne und gebildete Frauen für gute Bezahlung junge unerfahreren Männer von hohem Stand in die Liebeskünste einweihten (bevor diese heirateten). Doch dabei handelte es sich um Praktizierende des ursprünglichen Tantra, der Zeitrahmen war wesentlich länger als bei Tantramassage und "GFS", das kulturelle Umfeld war ganz anders, die Vorgangsweise tat der gesellschaftlichen Stellung der Beteiligten auch keinen Abbruch (während bei uns ein Mann in Führungsposition niemals zugeben sollte, für Sex bezahlt zu haben).
Ich bin jedenfalls nicht der Meinung, dass Sex gegen Geld grundsätzlich etwas schlechtes darstellt, aber sowohl die Tantramassage und kurzfristiger GFS gegen Bezahlung führen sicher nicht zu einer ganzheitlichen sexuellen Erfahrung, ganz zu schweigen vom Gewinn magischer Kraft und spiritueller Erleuchtung mittels der ganzheitlichen sexuellen Erfahrung, was das Ziel der sexuellen Riten im ursprünglichen Tantra darstellt.


Tantrischer Sex mit beliebigen Partnern

Eine andere Form des abgetrennten Sex kommt im Neo-Tantra vor, sogenannte Maithuna-Rituale in kleinen gemischten Gruppen, an denen Paare oder Einzelpersonen teilnehmen (idealerweise gleich viele Frauen und Männer), dabei werden bewusst sexuelle Vereinigungen außerhalb der bestehenden Paarbeziehungen angestrebt. Üblicherweise wird das Gruppenritual von einem Neo-Tantra-Anbieter geleitet (meistens auch ein Paar, welches aus ethischen Gründen unter sich bleibt), das leitende Paar sorgt für einen mehr oder minder ausführlichen rituellen Rahmen. Die Idee dahinter ist, dass guter Sex nicht so sehr von der Person abhängig ist, sondern mehr von den gewissermaßen technischen Fähigkeiten der Person, die sexuelle Energie zu lenken. Es wird dabei nicht erwartet, dass jede Frau mit jedem Mann schlafen kann, ein Nein ist zu akzeptieren. Zugelassen werden zu diesen Veranstaltungen nur Personen, die im jeweiligen Institut schon eine längere Schulung erfahren haben, die Beteiligten kennen sich also schon vorher oder blicken (bei größeren Instituten) zumindest auf ein gleichartiges Training zurück. Auch hier bin ich mir darüber im klaren, dass es große Unterschiede zwischen den Anbietern solcher Veranstaltungen gibt, ich versuche den gemeinsamen Nenner darzustellen. Durch Musik, Mantras und Visualisationen wird eine rituelle Atmosphäre hergestellt. Dann kommt es zu sexuellen Vereinigungen, wobei im Sinn des Neo-Tantra natürlich eine gewisse Länge der Vereinigung angestrebt wird (auch aus diesem Grund ist ein Vortraining erforderlich).

Maithuna ist im Hindu-Tantra die Bezeichnung für den Ritus der Vereinigung, im buddhistischen Tantra ist die Bezeichnung Karmamudra (oder als Vorstufe davon: "Geheimes Opfer"), ich werde Maithuna jetzt als Begriff für die Vereinigung in beiden Zweigen des ursprünglichen Tantra nehmen. In diesem ist Maithuna eingebunden in einen Kontext vielgestaltiger meditativer, ritueller und yogischer Praxis, es handelt sich um eine fortgeschrittene Praxis, die von Übenden ausgeführt wird, die üblicherweise schon mehrere hundert Stunden mit Meditation, Ritual und Yoga verbracht haben, bevor sie sich an Maithuna wagen.

Im Neo-Tantra wird Maithuna etwas anders gedeutet, nämlich als verlängerter, intensivierter, mit einem geistigen Überbau versehener, eben "tantrischer" Sex, die körperlichen, geistigen, psychologischen Übungen, die in den Seminaren angeboten werden, sollen genau dort hinführen, nämlich zu Maithuna in der Lage zu sein. Optimalerweise unterzieht sich ein Paar gemeinsam der Schulung, viele Institute bieten auch Kurse an, die nur für Paare gedacht sind. Ein einzelnes Paar, idealerweise ohne Konflikte liebend einander zugetan, soll durch Maithuna zu einem verbesserten und vertieften sexuellen Erleben kommen, wiederum idealerweise mit der geistigen Verschmelzung, die im ursprünglichen Tantra das eigentliche Ziel darstellt. Jedenfalls wird zumindest der Anspruch des Neo-Tantra auf ein ganzheitliches sexuelles Erleben eingelöst, wenn die Qualität der Anbieter stimmt und das beteiligte Paar sich aufeinander einlässt.

Woher kommt nun die Idee zu Maithuna in Gruppen mit Partnertausch? Diese kommt tatsächlich aus tantrischen Schriften, wobei interessanter Weise sowohl buddhistisches als auch Hindu-Tantra sehr ähnliche Begriffe verwenden: Ganachakra oder Chakra-Puja. Es handelt sich um reichhaltige Rituale, bei denen Nahrung und (alkoholische) Getränke und andere Dinge geweiht und konsumiert werden, nachdem vorher eine tantrische Gottheit (oder eine Versammlung von Gottheiten) angerufen wurde. Dabei kann es zu sexuellen Vereinigungen kommen, auch solchen, die vorher nicht geplant waren, bzw. die außerhalb der Partnerschaften der beteiligten Paare erfolgen. Hier gibt es eine Reihe von Problemen:
  • es handelt sich um Textmaterial, welches dem ursprünglichem Tantra zuzurechnen ist.
  • dieses ist oft in einer Art Geheimsprache abgefasst ("Zwielicht-Sprache"), die Wörter sind zwar verständlich, aber die eigentliche Bedeutung ist nur den in das jeweilige Tantra Initiierten klar.
  • um überhaupt eine Chance zur Durchführung zu haben, ist jahrelange Disziplin unter Anleitung eines Lehrers notwendig.

Praktizierende des tibetischen Buddhismus pflegen zu behaupten, dass bei einer Ganachakra-Puja sexuelle Vereinigungen nur visualisiert werden, auch Essen und Trinken wird nur in minimaler und billiger Form gereicht, die anderen Dinge wie Gesang und Tanz finden meistens ebenfalls nicht statt. Das zeigt nur, das der tibetische Buddhismus das indische buddhistische Tantra schon seit langen nicht mehr reflektiert. In diesem ist es ganz sicherlich so, dass Nahrung und Getränk üppig und von hervorragender Qualität sein müssen, und die sexuellen Vereinigungen sind nicht visualisiert, sondern real. Wer es nicht glaubt, studiere an dieser Stelle das Hevajra-Tantra in deutscher Übersetzung (!), das ist ein authentischer alter buddhistischer Text. Ähnliches gilt für die ganze Klasse der Anuttara-Tantra-Texte wie Chakrasamvara und andere.



Das Bild zeigt fünf tantrische Gottheiten in sexueller Vereinigung - die fünf Tantras der Shangpa Kagyu Tradition - in der Mitte Chakrasmavara, links oben ist Hevajra zu erkennen.


Genauso, wie die Schöpfer des Neo-Tantra sehr unbekümmert bei der Umdeutung von Verfahren aus dem ursprünglichem Tantra vorgegangen sind, machen sie sich auch nahezu ohne Reflexion über die sozialen, kulturellen, spirituellen Rahmenbedingungen, welche nun einmal in Indien geherrscht haben (500 - 1000 n. Chr.), als die Tantras entwickelt wurden, das Material zu eigen und deuten es nach eigenem Gutdünken um. Wenn in einem alten tantrischem Text von sexuellem Gruppenritual die Rede ist, sollte man bedenken, falls das überhaupt so gelaufen ist, wie der Text es suggeriert, dass die Beteiligten sich sehr gut kennen, dass sie nicht nur eine jahrelange Praxis in nicht-sexuellen Übungen haben, sondern auch gewisse Gelübde einhalten, dass sie mit einem Guru-Paar engstens verbunden sind sowie üblicherweise auch mit einer oder mehreren tantrischen Gottheiten, denen sie jahrelang Opfer gebracht haben, deren Mantras sie hunderttausendfach rezitiert haben und so weiter. Das Problem der Differenz zwischen Neo-Tantra und ursprünglichem Tantra haben wir schon am Anfang dieser Abhandlung festgestellt, aber im Zusammenhang mit Gruppenritualen tritt es noch viel schärfer auf. Es macht nämlich einen großen Unterschied, ob ein liebendes Paar sich vereinigt und dabei Neo-Tantra Verfahren benutzt, oder ob solche Vereinigungen mit mehr oder minder beliebigen Personen erfolgen. Das Erste kann zumindest nicht schaden, weil es sich um ein ganzheitliches Erleben handelt, das Zweite kann sehr leicht in abgetrennten Sex umkippen. Es geht nicht mehr um den Partner und die geistige Verschmelzung mit diesem, sondern nur noch um den Sex. Eine solche Auffassung von Maithuna in Gruppen geht fließend über in Gruppensex und Swingerclub mit tantrischem Etikett.

Auch hier höre ich manche meiner geneigten Leserinnen und Leser aufstöhnen, so in der Richtung, dass irgendein ein indisch-religiös gehemmter westlicher Yoga-Lehrer unser schönes Gruppenmaithuna verdammt. Ich befasse mich mit ursprünglichem Tantra seit den 80ern des 20. Jahrhunderts, mit Sex aber (unvermeidlicherweise) seit meiner Geschlechtsreife (70er), ich habe schon einige Erfahrungen mit Frauen im allgemeinen und speziell mit Frauen, die diverse tantrische und magische Dinge üben, nicht nur Absolventinnen von Neo-Tantra-Seminaren.
Ich bin nicht so ein bärtiger Inder, der den Zeigefinger hebt und sagt: Das ist aber kein Tantra, sondern eine ganz böse Verfälschung desselben. Ich habe die Erfahrung von abgetrenntem Sex, also von Treffen mit Frauen, die ausschließlich zum Zweck von sexuellen Spielen stattgefunden haben. Ich weiß, was abgetrennter Sex ist und was erfüllter, ich weiss, wie es sich anfühlt eine Frau hingebungsvoll zu lieben und geliebt zu werden. Aus dieser Erfahrung und dem Studium der Methoden des ursprünglichen Tantra komme ich zu dieser einfachen Aussage:

Guter Sex, wirklich guter Sex beruht darauf, dass sich zwei Menschen wirklich aufeinander einlassen, wenn sie sich vereinigen. Die Vereinigung, welche als tantrische Vereinigung bezeichnet wird, beruht auf gutem Sex, guter Sex plus tiefer Meditation, Ritual, Selbsterfahrung als Göttin und Gott. Im ursprünglichen Tantra ist das ganz gewiss so gemeint gewesen, so missverständlich manche Stellen in den originalen Texten auch sein mögen. Eine Spielart von Tantra, welche abgetrennten Sex beinhaltet, sollte eigentlich nicht Tantra genannt werden. Es handelt sich um bloßen Sex mit spiritueller Verbrämung. Bloßer Sex ist nichts Schlechtes - aber Tantra ist etwas anderes.

Ich möchte noch erwähnen, dass es auch in der tibetischen Tantra-Variante immer wieder zu abgetrenntem Sex kommt. Aufgrund dieser Entwicklungen sehe ich einen deutlichen Unterschied zwischen dem tibetischen Buddhismus und dem ursprünglichem Tantra. Es gibt dort etliche Punkte, die auf abgetrennten Sex statt tantrischer Vereinigung hinweisen, wie die konstante Diskriminierung von Frauen in der tibetischen Gesellschaft und die fehlende Bereitschaft der üblicherweise männlichen nicht-zölibatären Meister, ihre Gefährtinnen öffentlich als ebenbürtige Partnerinnen zu behandeln, sowie viele Arten des Machtmißbrauchs.
Eine besonders klare Sache möchte ich hier erwähnen, weil das genau zu den soeben behandelten Irrtümern im Neo-Tantra dazu passt. Es gibt im tantrischen Buddhismus (im ursprünglichen) eine wesentliche Praxis, die als "Anhalten und Umkehr" bezeichnet wird, sehr vereinfacht gesprochen bedeutet das, dass der Mann nicht ejakuliert, sondern statt dessen die Energie im Zentralkanal nach oben zieht. Die allseits bekannte Inkarnationslinie der Dalai Lamas (momentan halten wir beim 14. Dalai Lama) besteht nur aus Mönchen, für die sexuelle Vereinigung in keiner Weise in Betracht kommt. Es gibt aber eine berühmte Ausnahme, den 6. Dalai Lama, der kein Mönch war, er hatte sogar ein recht abwechslungsreiches Sexualleben, sehr häufig mit Prostituierten. Von ihm ist ein Ausspruch überliefert, der sinngemäß lautet: "Ich vereinigte mich mit vielen Frauen in Lhasa, doch ich verlor nie meinen Samen, daher bin ich makellos in meiner Yogapraxis". Typische Buddhisten würden es niemals wagen, so etwas zu kritisieren, viele, vor allem Männer finden solche Aussprüche sogar anziehend (aber auch von westlichen Buddhistinnen hört man kaum Kritik an derlei). Das ist abgetrennter Sex, es ist kein Tantra, die Frauen spielen keine Rolle, sie bleiben anynom und ihm Gefängnis ihres sozial niederen Status verhaftet, von einer tantrischen Vereinigung zwischen gleichwertigen Partnern kann nicht im geringsten die Rede sein.
"Anhalten und Umkehr" wird in tibetisch-buddhistischen Kreisen auch im Westen geübt, das allein macht aber die sexuelle Vereinigung noch lange zu keiner tantrischen, letztere beruht auf der Verbindung zwischen ebenbürtigen Partnern. Von Seiten zeitgenössischer tibetischer Meister hört man das kaum jemals, die Vereinigungspraxis wird nur auf bestimmte Visualisationen reduziert, man hört sogar das Argument, dass die Vereinigung mit verschiedenen Partnern die bei Buddhisten oft gefürchtete "Anhaftung" (nämlich der Partner aneinander) reduzieren würde. Das ist eine Irrlehre, die ihren klösterlichen Einfluss nicht verleugnen kann. Die Wahrheit im echten buddhistischen Tantra besteht darin, dass die Vereinigung voller Leidenschaft erfolgen muss, wodurch unter bestimmten Voraussetzungen eine Aufhebung der Ego-Grenzen und damit tatsächlich ein Ende der gewöhnlichen Anhaftung erfolgen kann.



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