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Sexualmagie - Licht und Schatten


Magie ist nach einer Definition von Aleister Crowley "die Wissenschaft und Kunst, Veränderungen in Übereinstimmung mit dem Willen zu bewirken". Nach einer von Frater V. D. geprägten Formel ergibt sich ein magischer Akt aus der Summe von Wille, Imagination und Trance (letztere auch als Gnosis bezeichnet). Trance kann auf verschiedene Arten erzeugt werden, die chaosmagische Literatur unterscheidet zwischen erregenden und dämpfenden Trancen. Zu den erregenden Trancen gehören Musik, Gesang, Tanz, Drama bzw. dramatisches Ritual, lyrische Anrufung, Verwendung der fünf Sinne (Farben, Räucherwerk etc.) und als sehr wesentliche Möglichkeit die sexuelle Trance oder sexuelle Gnosis.
Es handelt sich um Sexualmagie, wenn die für einen magischen Akt erforderliche Trance durch die sexuelle Vereinigung gewonnen wird. Die Beteiligten müssen dazu nicht unbedingt in einer Liebesbeziehung stehen, aber sie müssen sich im entsprechenden Moment aufeinander als ganze Menschen einlassen - es ist keineswegs egal, wer mit wem was tut.



In Teilen der neuern magischen Literatur finden sich durchaus andere Auffassungen. Man kommt dabei an Aleister Crowley nicht vorbei, dessen Umgang mit Sexualmagie berühmt und leider berüchtigt war. Dieser unterscheidet unter anderem zwischen autoerotischen (d.h. masturbatorischen) sexualmagischen Arbeiten, homo- und heteroerotischen. Andere bei ihm beliebte Dinge waren sadomasochistische Praktiken, Anal-Verkehr und der (Oral) Verkehr mit einer menstruierenden Frau. Das "Liber Null" von Peter Carroll unterscheidet, angelehnt an die "Quadriga Sexualis" von Austin Osman Spare zwischen "Todesstellung" (hat nichts mit Sex zu tun, sondern ist ein nondualer Geisteszustand), autoerotischem, normalem und "inversem" Verkehr (oral und/oder anal), die Bedeutung, welche Spare selbst diesen Begriffen gibt, ist wieder etwas anders. Beide Magier scheinen eine gewisse Neigung zu abgetrenntem Sex zu haben, also Sex ohne tiefere geistige Verbindung. Bei Spare ist nur wenig bekannt, aber er betont die "kalte Leidenschaft" und die "Inversion der Sinne", speziell durch den Verkehr mit sehr alten und hässlichen Frauen. Bei Crowley ist allzu viel bekannt geworden. Seine Frauen wechselten rasch, viele verfielen nach seiner Bekanntschaft dem Wahnsinn oder dem Alkohol oder anderen Drogen, nur wenige scheinen es in seinen Orden zu einem höheren Grad gebracht zu haben. Immer wieder zitiert wird ein Zeitungsinserat des Meisters, in welchem er bucklige und andersartig körperlich oder geistig deformierte Frauen als Partnerinnen für Sexualmagie sucht!

Ich fasse diesen Umgang der beiden Magier mit Sexualität als eine verständliche Reaktion auf das ausklingende viktorianische Zeitalter auf, dessen Prüderie (und Heuchelei) auf sexuellem Gebiet sprichwörtlich ist. Leider sind viele der zeitgenössischen Magier immer noch "magisch angezogen" von dieser verruchten Seite der Angelegenheit, gefördert durch die Aussagen späterer Epigonen.

Um Sexualmagie zu betreiben, sind technische Voraussetzungen zu erbringen, Sexualmagie ist ein Teil der magischen Disziplinen und kann nicht allein betrieben werden.
Zu den Vorübungen gehören:
  • körperliche Fitness und Beweglichkeit, gewonnen durch Sport oder Übungssysteme, die das Gewahrsein in den Körper lenken (zum Beispiel Hatha Yoga).
  • Praxis des feinstofflichen Energiesystems, Aktivierung des Zentralkanals und der Chakras
  • geistige Konzentrationsübungen, etwas das präzise Halten einer Visualisation im Geist (das ist im Meditationssitz deutlich leichter möglich als während einer Vereinigung).
  • magische Praxis, zum Beispiel definiert durch das chaosmagische Pentagramm (Illumination, Invokation, Evokation, Divination, Verzauberung). Man kann nicht gleich mit Sexualmagie beginnen, weil deren erfolgreiche Ausführung eben einer Erfahrung in anderen Formen der Magie bedarf.
  • nonduale Meditation, welche zu einer Erfahrung der Natur des Geistes führt. Diese ist auch die Grundlage aller Bannungen. Sexualmagie kann sehr bald unerwartet kraftvoll sein, aber genau deswegen gibt es eine gewisse Gefahr der Einseitigkeit oder Besessenheit, daher müssen die Übenden in der Lage sein, alles wieder zu bannen und aufzulösen, was sich ungerufen im Geist manifestiert.

Man kann Neo-Tantra betreiben, ohne die beständige Übungsdisziplin des ursprünglichen Tantra zu kennen, da es dabei um ein vertieftes sexuelles Erleben geht, welches sich selbst genügt. Man kann aber sicher nicht Sexualmagie betreiben, ohne sich in den magischen Pfad an sich zu involvieren. In einer prägnanten Formel ausgedrückt:

Sexualmagie ist keine Form von Sex, sondern eine Form von Magie.

Soweit zu den Vorübungen, doch nun zur eigentlichen Sache. Ich gebe zu, dass auch abgetrennter Sex, also Masturbation oder Sex mit einem beliebigen Partner ohne tiefere geistige Verbindung zu einer sexuellen Trance führen kann. Es ist sicher gut, die Erfahrung von abgetrenntem Sex zu machen, allein schon, um in Akten privater Blasphemie alle Ängste zu zerstören, die von religiös motivierten Vorstellungen zur Sexualmoral kommen. Jede Form von Sex ist heilig, Masturbation ist heilig, Homosexualität ist heilig, Sex ohne Ehe ist heilig, Sex mit Verhütung einer Schwangerschaft ist heilig, jede sexuelle Praktik ist heilig. Die ethischen Grenzen sind durch die Strafgesetze zur Genüge vorgegeben, dazu kommt noch der Aspekt der Sicherheit, im einzelnen gelten für mich als Eckpunkte einer nicht-religiösen Sexualmoral:
  • Einvernehmlichkeit, also keine Gewalt, kein Missbrauch von Kindern, Jugendlichen, Behinderten und so weiter, aber auch kein Ausnutzen von Abhängigkeiten (diese Grenze ist durch Strafgesetze schwer zu ziehen, da sogar Sex in einer Ehe nur auf Ausnutzen einer wirtschaftlichen Abhängigkeit beruhen kann).
  • Sicherheit, der Verzicht auf alles, was Körper oder Seele schädigen kann, z. B. was sexuell übertragbare Krankheiten oder Verletzungen durch sexuelle Aktivitäten betrifft.
  • Übereinkunft bezüglich der Verhütung oder Nicht-Verhütung einer Schwangerschaft. Wenn man nicht verhütet, sollten beide Partner auch bereit sein, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen (oder der Mann sollte "Anhalten und Umkehr" beherrschen, d. h. die Fähigkeit haben, statt zu ejakulieren die feinstoffliche Essenz des Samens im Zentralkanal nach oben zu leiten).

Es ist sehr wichtig, die Sexualität weitgehend von religiösen Beschränkungen zu befreien, aber auch möglichst tiefgreifend von kulturellen oder anerzogenen Werthaltungen. So ekeln sich viele Männer davor, eine menstruierende Frau oral zu verwöhnen, manche möchten nicht einmal normalen genitalen Verkehr, auch manche Frauen erklären sich selbst während der Regel als sexuell desinteressiert. Im Sinn der Einvernehmlichkeit ist es ganz normal, sich auf bestimmte Grenzen zu einigen, aber wer Sexualmagie betreiben möchte, muss sich alle Grenzen bewusst machen und sie hinterfragen. Belässt man alles unhinterfragt bei den alten Mustern, ist sexuelle Gnosis, sei sie nun tantrisch oder magisch, nicht möglich. Das bedeutet nicht, dass man alle Grenzen sprengen muss, aber der Sinn des magischen Handelns liegt immer in der Erweiterung der Möglichkeiten eines bestimmten Menschen. Die Grenzen eines anderen sind immer zu respektieren.

Zu diesem Thema gehört auch die Befreiung von falschen Assoziation. So gilt etwa der Analverkehr als verrucht und irgendwie "dämonisch". Der alte Grund für diese Symbolik liegt in Wirklichkeit darin, dass Ejakulation des Mannes in den Anus der Frau kein "normales" Wesen erzeugt, sondern ein astrales, natürlich unter Voraussetzung entsprechenden Willens und dazu gehöriger Visualisation. (Das zeigt, wie Tabus oft magisches Wissen spiegeln können). Aber wir haben heutzutage sichere Verhütungsmethoden, außerdem kann die tantrische Methode von "Anhalten und Umkehr" bei normaler Vereinigung angewandt werden - auch in diesem Fall ist die Symbolik zur Zeugung eines astralen Wesens geeignet (z. B. zur Schaffung eines magischen "Servitors", eines selbst erzeugten Geistes mit einer bestimmten Aufgabe). Von der Wirkung an sich, also ohne kulturelle Assoziation, gibt es zwischen Genital- und Analverkehr kaum Unterschiede.

Ein ähnliches Thema ist die Furcht vor der sprichwörtlichen alten Hexe, oft der allein lebenden Witwe, niemand anderes als die Frau, die keine Kinder mehr bekommen kann, daher ohne Angst vor Schwangerschaft frei sich ihrer Lust erfreuen kann. Christentum, Judentum, Islam erlauben sexuelle Vereinigung nur in der Ehe. Im christlichen und jüdischen Kulturkreis sind diese Verbote seit einiger Zeit gemildert, weil große Teile der Bevölkerung sich nicht mehr an diese Vorschriften halten. Im Islam besteht grundsätzlich eine panische Angst vor jeder freien Partnerwahl durch die Frau, egal ob in Europa oder in einem islamischen Land, jungfräulich in die Ehe zu gehen, ist sehr wichtig, Sex außerhalb der Ehe undenkbar. Das klingt extrem, aber auch in unserer Kultur wird meistens immer noch vom Mann erwartet, die Initiative zu ergreifen und während der Vereinigung der aktiven Part zu spielen. Ich habe schon mehrmals in Gesprächen mit Frauen von Männern gehört, die ablehnend auf sexuell aktive Frauen reagieren - keine Moslems. Wer Sexualmagie betreiben möchte, sollte über alle diese Dinge reflektieren und Versuche außerhalb der bisherigen Regeln anstellen. Auch die Fixierung auf körperliche Merkmale, wie sie häufiger bei Männern auftritt, etwa auf großbusige Frauen, gehört hierher.

Wir benötigen eine gewisse Bandbreite im Ausdruck unseres sexuellen Begehrens, eine gewisse Vielfalt an Erfahrungen, eine Freiheit von einschränkenden religiösen, kulturellen und persönlichen Konditionierungen. Wenn wir die höchsten Höhen erreichen wollen, welche die Sexualmagie bieten kann, brauchen wir eine vertrauensvolle Verbindung zu einem ebenbürtigen Partner, also mit ähnlichen Voraussetzungen bezüglich der technischen Fähigkeiten und der sexuellen Möglichkeiten. Abgetrennter Sex sollte überwunden werden, dazu gilt im Bereich der Sexualmagie das gleiche wie im Tantra (vgl. Tantra - Verwirrungen und Erleuchtungen)

Sexuelle Aktivität, die nicht auf Liebe zwischen den Beteiligten beruht, kann zu vorläufigen Teilresultaten führen, aber auf die Dauer werden die ungesunden Nebeneffekte überwiegen. Es geht nicht darum, wie es die Literatur immer wieder suggeriert, einen möglichst starken Orgasmus zu bekommen, um dessen Energie in ein Sigill oder ähnliches zu leiten, wobei es aber keine Rolle spielt, mit wem man diesen Orgasmus erlebt. Sexualmagie ist eine Form von Gruppenmagie, die Kräfte der Beteiligten addieren sich nicht, sondern sie multiplizieren sich. Genauso wie im normalen Leben ein liebendes Paar sich gegenseitig stützen und ergänzen kann, können besondere Effekte eintreten, wenn ein Paar magisch zusammen arbeitet. Aus diesem Grund ist es oft vorteilhaft, wenn gegensätzliche Eigenschaften in einem Paar zusammenkommen, zum Beispiel ein Künstler und eine Wissenschaftlerin oder ein physisch sehr starker Mann, der Kampfsport betreibt und eine zarte feenartige Frau. Es muss nicht so sein, ich möchte nur zeigen, dass es in keiner Weise gleichgültig ist, wer mit wem Sexualmagie betreibt. Es ist auch denkbar, dass mehrere Paare sich untereinander austauschen und getrennt oder gleichzeitig in einer Gruppe ein sexualmagisches Ritual machen, aber hier gelten die gleichen Bedingungen wie im erwähnten Artikel über Tantra.
Ohne Praxis aller Beteiligten geht gar nichts, weiters muss eine hohe emotionelle Reife gegeben sein und eine Erfahrung in anderen magischen Disziplinen.


Was ist der Unterschied zwischen Sexualmagie und Tantra?

Der Vergleich kann nur mit dem ursprünglichem Tantra erfolgen, da das Neo-Tantra keine ständige Übung verlangt und hauptsächlich um die Sexualität kreist. Sexualmagie wird manchmal als westliches Tantra bezeichnet, der Ordo Templi Orientis beruft sich auf geheimnisvolle indische Wurzeln, ebenso Crowley. Diese Verbindungen sind in keinem Fall verifizierbar und erscheinen mir ähnlich dubios wie die phantasierten Verbindungen der Madame Blavatsky zu den "Meistern der großen weissen Bruderschaft im Himalaya". Der Umgang von Crowley und Spare mit sexueller Energie hat keine indischen Wurzeln. Es gibt kein hinduistisches und kein buddhistisches Tantra, welches Anweisungen zur Masturbation oder Homosexualität gibt, es ist auch nicht anzunehmen, dass es diesbezüglich "geheime mündliche Überlieferungen" gibt, da die mündlichen Lehren immer auf den Texten beruhen, die Mündlichkeit hat etwas mit der "Übertragung" zu tun, die durch kein Buch ersetzt werden kann.
Crowley hatte wohl einen (ziemlich guten) indischen Yogameister, dass er ein tiefes Wissen über Yoga hatte, zeigt sich klar in seinen Werken, zum Beispiel in seinen großartigen Eight Lectures On Yoga. Es gibt aber nichts Substantielles aus seiner Feder über ursprüngliches Tantra. Es fällt auch auf, dass Crowley in seiner eigenen Praxis laut seinen magischen Tagebüchern während sexualmagischer Prozeduren im allgemeinen ejakuliert, im ursprünglichen Tantra ist das hingegen nur zu bestimmten Gelegenheiten der Fall. In vielen buddhistischen Tantras findet man sogar Formulierungen, die den Verlust des Samens mit dem Töten von tausend Buddhas gleich setzen (was natürlich auch schwer übertrieben ist). Das zentrale Werk von Crowley, das "Buch des Gesetzes" wird ebenso immer wieder als "westliches Tantra" bezeichnet, weil es zahlreiche sexuelle Anspielungen enthält. Man wird aber in keinem Tantra Gottheiten finden, deren Existenz außerhalb des Geistes der Praktizierenden angenommen wird, die ein neues Zeitalter mit spezifischer Ausrichtung hervorbringen und so weiter. Wir haben hier wieder die beliebte und falsche Gleichsetzung des Sexuellen mit dem Tantrischen, nur weil ein magischer Text (eigentlich mehr eine mystische Offenbarung) sexuelle Anspielungen enthält, ist es noch lange kein Tantra.



Ein westliches Tantra ist bislang nicht existent, was nicht heisst, dass so etwas für alle Zukunft ausgeschlossen ist. Um westliches Tantra hervorzubringen, müsste sich ursprüngliches indisches Tantra im Westen dauerhaft etablieren, um dann eine Weiterentwicklung aufgrund der im Westen herrschenden Bedingungen zu finden - davon kann bislang keine Rede sein.

Der hauptsächliche Unterschied zwischen Tantra und Sexualmagie scheint darin zu bestehen, dass Tantra mehr in die mystische Richtung einer ekstatischen Gotteserfahrung geht, Sexualmagie hingegen zum Erzielen konkreter Ereignisse und Resultate. Aber auch das stimmt in beiden Richtungen nicht. Ursprüngliches Tantra führt zu magischen Kräften (Siddhis), die natürlich auch angewendet werden, wenn die Übenden einmal so weit gekommen sind. Es gibt tantrische Rituale, die auf bestimmte Resultate abzielen, zum Beispiel die vier magischen Buddhaaktivitäten (Beruhigen, Vermehren, Kontrollieren und Zerstören). Die Wirkung dieser Rituale kann durch Vereinigungspraxis verstärkt werden. Umgekehrt kann auch Sexualmagie zu mystischen Erfahrungen führen, zum Beispiel wenn sie mit einer Invokation (häufig einer Gottheit sexueller Natur) verbunden wird.
Ein anderer Unterschied besteht darin, dass bei Sexualmagie meistens ein Orgasmus angestrebt wird, oft wird der Same und das weibliche Sekret verwendet, um zum Beispiel ein Sigill oder ein anderes magisches Instrument damit zu benetzen oder als Bestandteil eines Elixiers, welches konsumiert oder geopfert wird. Im ursprünglichen Tantra hingegen werden die Sekrete oft durch "Anhalten und Umkehr" innerlich transformiert.

Sexualmagie nimmt in der westlichen magischen Tradition einen eigene Stellung ein, die unabhängig von den tantrischen Traditionen ist, da es aber mehrere, zum Teil weit voneinander entfernte westliche Traditionen gibt, wird Sexualmagie entsprechend vielgestaltig praktiziert, einige Beispiele:
  • die klassische magische Tradition, bezüglich Sexualmagie oft sehr konservativ und mit vielen Warnungen vor den Gefahren des Missbrauchs: B. P. Randolph (schrieb ein Werk mit dem Titel "Magia Sexualis"), Franz Bardon, dessen weniger bekannter Lehrer Rah Omir Quintscher und viele spätere.
  • Sexualmagie in Zusammenhang mit Runenmagie oder anderen alteuropäischen Mysterien.
  • Wicca als moderne Kompilation heidnischer Religionen, mit ritueller Nacktheit und mit einer mit sexueller Vereinigung verbundenen Hochzeit von Priester und Priesterin.
  • Sexualmagie im Ordo Templi Orientis, der Fraternitas Saturni und ähnlichen Orden.
  • Crowley, Grant und andere Anhänger des "93 Current"
  • ursprünglicher Hexenkult, wie er vor allem in Person und Werk von Austin Osman Spare sichtbar wird. Das ist ein ganz anderes Kaliber als die "Handbücher für Junghexen", welche derzeit die Esoterik-Regale füllen. Sexualmagie spielt in der Methodik von Spare eine wesentliche Rolle, die Anweisungen von Spare können aber nur geübt werden, wenn man den ganzen Weg der Hexe wirklich gehen will, anders sind sie gar nicht verständlich. Das bedeutet eine Geisteshaltung der Nondualität (Spare verwendet dafür den Begriff Neither-Neither). Religiöse Konzepte, wie zum Beispiel die Idee, dass es "dreifach zurück kommt", wenn die Hexe jemanden schadet, haben damit nichts zu tun. Die oft anzutreffende Anweisung, Sigille mittels eines Orgasmus zu aktivieren, ist sicher nützlich. Es stellt aber eine Reduzierung und Trivialisierung der unergründlichen Tiefen von "Zos Kia" dar, zu meinen, dass mit diesem Verfahren Sexualmagie nach Spare bereits beschrieben wäre. Sigillenmagie kann für einfache, verifizierbare Effekte gut benutzt werden, aber auch für die Ergründung vergessener Tiefen des Bewusstseins. Der Hexensabbath, von dem Spare schreibt, ist nicht einfach ein Gruppenritual mit sexuell-orgiastischen Elementen, sondern eine subtile Angelegenheit in einem Zwischenreich zwischen Wachen und Träumen, Bewusstheit und Rausch.
    Mehr über Spare: Hexenkunst und Hexenkraft


In den letzten Jahrzehnten, namentlich seit der Begründung des Ordens "The Illuminates of Thanateros" 1978 ist es zu einer verstärkten Hinwendung der chaosmagischen Szene zu Verfahren des ursprünglichen Tantra gekommen, was im Sinn einer pragmatischen Erforschung dieser Methoden ohne Übernahme (oft sehr dualistischer) indischer Vorstellungen sehr zu begrüßen ist. Da es immer häufiger wird, dass Magie und Tantra von einer Person betrieben wird, verwischen auf diese Weise die historischen Grenzen zwischen Sexualmagie und Tantra immer mehr. Auch aus diesem Grund halte ich es gerechtfertigt, die sexuelle Praxis als Teil der Tantras und die Sexualmagie als Teil der westlichen magischen Tradition unter dem Überbegriff "Erotische Gnosis" zu stellen. Meiner Ansicht nach sollte zumindest in den höheren Sphären des Tantra und der Sexualmagie abgetrennter Sex vermieden werden, daher gelange ich zur Definition:

Erotische Gnosis kann von einem liebenden, magisch/tantrisch qualifizierten Paar erfahren und auf ein Ziel gerichtet werden. Jede sexuelle Orientierung und jede Art der Erregung ist dabei zugelassen, solange Einvernehmlichkeit und Sicherheit herrscht.



Nachbemerkung:
Diese beiden Texte zu Tantra und Sexualmagie verzichten auf Quellenangaben und eingehende akademischen Diskusionen, sie geben nur eine Zusammenfassung meiner in vielen Jahren erlangten Erkenntnisse, eine ausführlichere Arbeit ist im Werden.
Zum Thema Sexualmagie und Tantra gibt es eine Abhandlung, auf die ich beim Schreiben dieser Texte gestoßen bin:
Hugh Urban: Unleashing the Beast - Aleister Crowley, Tantra and Sex Magic in Late Victorian England
Es zeigt sich, dass bei den frühen westlichen Erforschern der Sexualmagie wie Randolph, Kellner, Reuss zwar immer die Rede von indischen Wurzeln ist, aber nie konkrete Namen der Meister und deren Schulen genannt werden. Hat man im eigenen Vorgehen so etwas wie eine Überlieferungslinie, so kann man den Namen des Meisters und den Namen des Meisters des Meisters und so weiter angeben, jedenfalls die Tradition, von denen es ja viele gibt, genau identifizieren. Wenn das nicht möglich ist, handelt es sich um eine Mystifikation. Wer in einer tantrischen Tradition steht, kann diese klar benennen.
Die von vielen fraglos übernommene Interpretation der Sexualmagie Crowleys als "tantrisch" stammt hauptsächlich von Kenneth Grant, einer der wenigen Magier, der Crowleys System nicht nur nachvollzogen, sondern substanziell weiter entwickelt hat. Grant scheint tatsächlich mit indischen Tantra-Adepten zusammengearbeitet zu haben, obwohl auch er sich über Details ausschweigt, einige seiner Bücher jedenfalls zeigen einen tiefen Einblick in bestimmte tantrische Traditionen. Doch Grant kombiniert den von Crowley begründeten 93-Current mit tantrischen Lehren auf eine Weise, welche die ursprüngliche tantrische Tradition unsichtbar macht.
Merkwürdigerweise werden die indischen tantrischen Lehren heute im Westen durch zwei entgegen gesetzte Brillen betrachtet: Durch die Brille der tibetischen Mönche, welche jede Verbindung zur nondualen (und sexuellen!) Tradition des indischen buddhistischen Tantra verloren haben, und durch die Brille der von Crowley und vor allem Grant geprägten Interpretation einiger indischer Hindu-Tantras. Das Neo-Tantra arbeitet fast nie mit originalem Tantra. Mein eigenes Bemühen richtet sich darauf, sowohl buddhistisches als auch hinduistisches Tantra mit Hilfe der schriftlichen Quellen und mündlicher Instruktionen von Linien-Haltern dieser Lehren zu erforschen und alle vermittelnden Brillen abzulegen.

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