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Nondualität für Erleuchtungswillige


Wir leiden unter uns oder unserer Umgebung und wollen eine mehr befriedigende Situation schaffen. Wir wollen einen spirituellen Pfad gehen und sehen eine schmerzliche Differenz zwischen uns und einem erleuchteten Wesen oder dem was wir uns darunter vorstellen. Wir haben ein Ideal, sind aber weit davon entfernt, es zu leben. Wir haben bestimmte moralische Vorstellungen, aber wir halten uns selbst nicht immer daran. Wir fühlen uns getrennt von den Dingen um uns, und wir wollen diese Trennung überwinden, aber die Dinge machen uns Angst. Wir wollen erfüllte Liebe und Erotik erfahren, aber wir sind nie oder nur kurz mit unseren Vereinigungen glücklich.

Dualismus bedeutet, wir glauben an die grundsätzliche Spaltung zwischen gegensätzlichen Zuständen: Wir denken, es gibt so etwas wie rein und unrein, mehr göttlich und weniger göttlich, mehr erleuchtet und weniger erleuchtet, gut und böse, hoch und nieder, innen und außen. Die asiatischen Kulturen haben einige nonduale, nicht dualistische Pfade des Strebens entwickelt, welche alle Gegensätze transzendieren. Diese Pfade kennen keine Stufen in der Einsicht, wohl aber in der konkreten Methode der Umsetzung. Es gibt kein weit entferntes Ziel und den mühsamen Weg. Im höheren buddhistischen Tantra sagen wir, das Ziel wird mit auf den Pfad genommen: Wir sind uns unserer Buddhanatur bewusst, wir sind bereits erleuchtete Wesen. Jede Tantrastufe wird beschrieben durch Sichtweise (die grundlegende Erkenntnis), konkrete Methode (die Praxis), Verhalten (die Regeln) und Resultat. Im höchsten Tantra, Anuttara-Tantra, ist die Sichtweise so, dass alle Phänomene ursprünglich rein sind (weil sie leer von unabhängiger Eigenexistenz sind). Daher werden alle fühlenden Wesen als erleuchtete Wesen gesehen, der Ort ist ein reiner Buddhabereich, die Zeit ist aufgehoben, die Lehren sind die auf der nondualen Sichtweise fußenden Tantras.

Noch mehr betont wird die nonduale Sichtweise in den höchsten stufenlosen Lehren des buddhistischen Dharma: Mahamudra und Dzogchen. Dort wird von allen Anfang an nichts künstliches im Geist mehr generiert (etwa die Visualisation eines Buddha) sondern die Buddhanatur wird direkt erfahren, die Übung besteht dann im Halten dieser Erfahrung, und der Transformation oder Selbstbefreiung aller Komplexe in diese Erfahrung. Es gibt eine große Anzahl von Übungen in den Mahamudra und Dzogchen Lehren (was mit den individuellen Eigenschaften der Übenden zusammenhängt), aber einige sehr einfache Übungen stehen ganz am Anfang und sollen die Sichtweise klären. Viele Übende praktizieren zwar formal ein höheres Tantra in der Form von Gottheitenyoga oder gar die stufenlosen Wege selbst, haben aber kein klares Verständnis (besser gesagt keine wirkliche Erfahrung ) der nondualen Sichtweise. Das bedeutet aber, dass dualistische Projektionen auf die Gottheit oder den Buddha gerichtet werden, wodurch es niemals zu einer Befreiung kommen kann. Das erklärt in vielen Fällen, warum nach einigen Jahren Praxis nach anfänglicher Begeisterung keine wirkliche Veränderung geschweige den Befreiung stattfindet.

Bei vielen Einweihungen wird zwar die Sichtweise formal erklärt, aber das Verständnis wird nicht wirklich überprüft. Ohne korrekte nonduale Sichtweise ist es aber ein sinnloses Unterfangen, sich zum Beispiel als dreigesichtiger sechsarmiger Vajrakila zu visualisieren, denn die Perspektive von Vajrakila ist nondual. Vajrayana lebt immer vom Gleichgewicht zwischen Methode und Weisheit, der Methodenaspekt ist zum Beispiel durch Mantras, Visualisationen, Rituale, Opfer und so weiter abgedeckt, der Weisheitsaspekt besteht aber im steten Gewahrsein der nondualen Sichtweise. Es ist nicht so, wie man immer wieder hört, dass durch das Rezitieren des Mantras und ähnliches die Sichtweise irgendwann von selbst verstanden wird. Genau genommen kann man das, was bei einer höheren tantrischen Einweihung geschieht, nur verarbeiten, wenn man eine gewisse Einsicht in die Sichtweise bereits mitbringt. Da dies bei Beginnern meistens nicht der Fall ist, müssen die Erklärungen dazu individuell erfolgen, die heute üblichen Einweihungen an große Gruppen unbekannter Personen können das nicht leisten. Nur in einem indivuell angepassten Prozess ist es möglich, die konkreten Hindernisse zu finden, die der nondualen Sichtweise bei einem bestimmten Menschen entgegen stehen, und Übungen zur Entfernung dieser Hindernisse zu geben. Eine solche Übertragung ist daher nur unter vier Augen möglich.

Eine einfache Meditation zur Erlangung der Sichtweise ist der sogenannte Samadhi des Raums. Raumerfahrung, im Kontext von Dzogchen synonym mit Leerheitserfahrung, wird erlangt, indem der Geist mit dem umgebenden Raum vereinigt wird. Nun ist dieser ziemlich große Raum, in welchem unsere normale Erfahrung eine winzige Insel darstellt, natürlich nicht nur von Buddhisten als solcher erfahren worden. Vielmehr sind ähnliche Meditationen zum Beispiel in den Lehren der kashmirischen tantrischen Shiva-Tradition bekannt, sie bilden den Ausgangspunkt der schamanischen Urerfahrung, sie sind im Taoismus genauso bekannt wie in gewissen Strömungen der westlichen magischen Tradition. Buddhistische Praktizierende haben oft ein starkes Ab- und Ausgrenzungsverhalten, welches natürlich ebenfalls wieder einen zu überwindenden Dualismus darstellt. Man kann eben nicht sagen, dass die Erfahrung des Raumes an sich eben die Erfahrung des Buddha ist (im Falle von Dzogchen der Adibuddha Samantabhadra), für einen shivaitischen Yogi ist genau der gleiche Raum nichts anderes als der Zustand von Shiva. Alle diese Namen, Begriffe und Formen enthalten eben wieder einen Dualismus, solange es etwas gibt, was als außerhalb oder gegensätzlich begriffen wird.

Weiter führender Text:
Nondualität für Adeptinnen (Nondualität von der Warte der westlichen magischen Tradition betrachtet)

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