Helmut Poller Tantra Wien
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Analyse tantrischer Texte


Es gibt in meiner Arbeit einige Bereiche, in denen die Kommunikation zwischen heutiger akademischer Wissenschaft und traditionellen Systemen der Welterklärung von Bedeutung ist. Hier an dieser Stelle möchte ich exemplarisch und in äußerster Kürze nur ein Thema behandeln: Den Umgang mit indischen/tibetischen religiösen Texten durch Inder/Tibeter/praktizierende Westler einerseits und die wissenschaftliche Analyse solcher Texte andererseits. Als Beispiel dienen die Texte der buddhistischen Tantras, doch die nun folgenden Aussagen können unschwer auf das ganze Feld der indischen und tibetischen Religionen übertragen werden.
Übende des tibetischen (besser: tantrischen) Buddhismus nehmen Zuflucht zum Dharma, das heißt zu den als Buddhawort geltenden Sutras und Tantras. Erstaunlicherweise sind diese Quelltexte den Übenden nur wenig bekannt, obwohl in den letzten Jahren sehr viele hochwertige Übersetzungen solcher Texte erschienen sind - mangelnde Kenntnis von Sanskrit/Tibetisch ist nicht der Grund. Wie liest ein typischer westlicher Anhänger von Lehren des tantrischen Buddhismus die Quelltexte dieser Lehren?

Die Texte werden unhistorisch gelesen:

Wenn der Dalai Lama behauptet, der Buddha hätte in seiner Erscheinungsform als Kalachakra das Kalachakra-Tantra offenbart, wird das hingenommen. Der Dalai Lama sagt es, der Text selbst sagt es auch irgendwie, wird schon stimmen. Selbst christliche Theologen lernen, die Bibel historisch zu betrachten und nicht einfach als "Gotteswort" (um das Gelernte bei Eintritt in einen Amtskirchen-Job gleich wieder zu vergessen), Buddhisten ist diese Betrachtungsweise im Großen und Ganzen fremd. Nun, das Kalachakra Tantra wurde nicht vom Buddha offenbart oder verfasst, sondern von einer Gruppe von Menschen, die ganze 1500 Jahre nach dem Buddha gelebt haben, daher ist der Text selbstverständlich auch in diesem historischen Kontext zu lesen. Nicht nur, das wäre ein Fehler, wie ihn zum Beispiel marxistische Interpreten gern machen, aber auch. Ähnliches gilt für alle Texte, selbst für den Pali-Kanon, der zur Recht auf den historischen Buddha Shakyamuni zurückgeführt wird. Der Buddhismus wird von buddhistischen Fundamentalisten gern als allen anderen Sichtweisen überlegen dargestellt (es gibt ganze Bücher, in denen nicht-buddhistische Sichtweisen eine nach der anderen widerlegt werden), in Wirklichkeit hat er aber viele Anleihen aus dem religiösen Umfeld entnommen, zum Teil sogar wörtlich - ohne einen Versuch, diesen Vorgang zu verbergen. Das Chakrasamvara-Tantra, ein sehr wichtiges buddhistisches Tantra, hat wesentliche Dinge aus dem tantrischen Shivaismus übernommen (diese Spuren wurden in späteren Editionen zum Teil getilgt, siehe das Vorwort der großartigen Übersetzung des Chakrasamvara Tantra von David B. Gray). Im ganzen Tantra-Buddhismus lassen sich viele shivaitische Anleihen erkennen, bis in die innersten Merkmale der Gottheiten hinein, z. B. Shivas Dreizack im buddhistisch-tantrischen Khatvanga.

Trotzdem propagieren spätere buddhistische Texte stets die Überlegenheit der Buddhisten über die Shiva-Anhänger. Wie soll das gehen, wenn wesentliche Lehren der shivaitischen Tantras inmitten der buddhistischen Lehren zu finden sind? Ein anderes schönes Beispiel ist das fälschlicherweise so genannte, weithin bekannte "Tibetische Totenbuch", kürzlich in einer sehr guten vollständigen Übersetzung erschienen (Verlag Goldmann Arkana, ISBN 978-3-442-33774-3). Es quillt geradezu über von Anschauungen, die eher dem mongolisch-tibetischen Schamanismus zuzuordnen sind, als dem Buddhismus, vermengt mit einem unsäglich flachen Gut-Böse-Dualismus, es gilt aber als von Padmasambhava als Schatztext verfasster und versteckter buddhistischer Text. In Wirklichkeit muss dieser Text jahrhundertelang bis zu seiner jetzigen Form gewachsen sein, enthält er doch nicht-buddhistische und buddhistische Lehren, und unter diesen solche aus verschiedensten Schichten der Lehre, den Sutras, dem Guhyagarbha-Tantra und Dzogchen, namentlich dem nondualen Abschnitt "Bekennen in der Gegenwart der Sicht" (in anderen Textsammlungen als "Die Tiefen der Höllen leeren"). Dort heißt es wörtlich (S. 221):

"Wie schädigend ist doch die Sicht, die Gut und Böse dualistisch voneinander trennt,
wo doch Samantabhadra jenseits von Gut und Böse ist."

Das ist wahr, Samantabhadra, der symbolische Urbuddha der Dzogchen-Lehren, ist jenseits von Gut und Böse, aber wieso behandelt dann das restliche Totenbuch ständig Unterscheidungen zwischen Gut und Böse? Und wie kann so ein Text aus einer Feder stammen, wie es die unhistorische Betrachtungsweise behauptet?


Die Texte werden unkritisch gelesen:

Abgesehen von der nicht gestellten Frage nach dem historischen Kontext werden die Texte auch inhaltlich als Buddhawort hingenommen, und dieses darf nicht kritisiert werden. Sehr schön sieht man das an vielen Kommentaren gelehrter Lamas zu Quelltexten, ein solcher Text kann noch so widersprüchlich sein, noch so abstruse Behauptungen aufstellen, nie und nimmer wird ein Lama schreiben: Die Stelle Soundso im XY-Tantra ist unsinnig, stimmt mit den buddhistischen Lehren nicht überein, ist falsch. Er wird die Stelle unkommentiert lassen oder sie mit oft an den Haaren herbeigezogenen Kommentaren erklären. Noch weniger wird der Punkt der konkreten Anwendung eines Textes kritisch gewürdigt. Es geht ja nicht nur um den Text, sondern die jahrhundertelange Übertragung dieses Textes von Meister zu Schüler, die traditionellen Kommentare sind häufig Jahrhunderte nach dem Text verfasst, aber immer von einem Kommentator, der in eben dieser Linie steht.

Vergleichen wir zum Beispiel, wie im Hevajra-Tantra an mehreren Stellen die Ganachakra-Puja beschrieben wird, das tantrische Fest der Yoginis und Yogis: Gesang und Tanz, gutes Essen, Alkohol und andere Rauschmittel in rauen Mengen, erotische Vereinigungen, zahlreiche Frauen anwesend. Sehen wir mal von Mönchen ab, die nicht so praktizieren können (was aus dem Text völlig klar hervorgeht) und betrachten wir eine Versammlung von Ngakpas (tantrische Yogis, keine Mönche) zum Beispiel im 19. Jahrhundert: Fast nichts von alldem geschieht, aber die Yogis (größtenteils Männer, weibliche Linienhalter existieren so gut wie nicht) singen ein so genanntes Vajra-Lied, welches diese Merkmale des Ganachakra beschreibt und visualisieren diese Vorgänge. Kennt jemand einen einzigen Kommentar, wenigstens einen Absatz daraus, in dem ein tibetischer Kommentator feststellt, dass diese Praxis mit jener im Text beschriebenen nichts mehr zu tun hat?
Entweder wir lesen das Hevajra-Tantra kritisch - analytisch, und stellen etwa fest, dass so eine tantrische Orgie nichts mit Buddhismus zu tun hat, oder nur symbolisch gemeint ist, oder gar, dass es wohl wörtlich so gemeint ist, aber nur von "weit Fortgeschrittenen" praktiziert werden kann - so weit fortgeschtritten, dass der Versuch, solche spirituellen Giganten zu finden, immer fehl schlägt. Solche Lesarten sind in den traditionellen Kommentaren aber eher nicht zu finden. Oder wir lesen es als zutreffende Beschreibung der ursprünglichen Praxis, dann müssten wir in Kenntnis der realen Zustände in unserer eigenen Linie sagen: Unsere heutige Praxis stimmt nicht mehr mit der von uns so geschätzten Texttradition überein, überhaupt nicht mehr. Das passiert auch nicht, Tibeter und westliche Anhänger von Tibetern gleicherweise pflegen sich zu winden, wenn man sie mit solchen Fragen konfrontiert und auf die Früher-war-alles-besser Schiene auszuweichen, in dem Fall liegt das Früher aber schon tausend Jahre zurück - da lebten auch die mystifizierten "weit Fortgeschrittenen". Die Argumentation, dass alles, was mit Sex zu tun hat, irgendwelchen "weit Fortgeschrittenen" vorbhalten ist, hört man in tibetisch-buddhistischen Gruppen im Westen überall, nur dumm, dass das Hevajra-Tantra von Übenden spricht, die bald nach dem Beginn des Pfades in derlei Methoden eingeweiht werden.

Ich könnte an dieser Stelle viele ähnliche Themen darstellen (eine ausführliche Darstellung ist in Arbeit), aber hier geht es mir darum, Menschen, die wissenschaftlich mit solchen Texten arbeiten (idealerweise natürlich praktizierend) auf diese Fragen hinzuweisen. In den aktuellen Diskussionen unter Tibetologen zum Beispiel werden alle diese Fragen nicht oder nur äußerst selten gestellt, oft gilt dort das Wort des Lama als verbindlich - mit Wissenschaft hat das allerdings so wenig zu tun wie der Einfluss der katholischen Kirche auf die christliche Theologie.

Ein lustiges Beispiel möchte ich noch erwähnen, weil es so schön zeigt, was für Blüten die unkritsche Leseweise tantrischer Texte erzeugen kann: In vielen buddhistischen Tantras wird irgendwo erwähnt, dass das Essen des Fleisches einer menschlichen Leiche von einem schon sieben Mal als Brahmanen wiedergeborenen Brahmanen sofort die Siddhi des Fliegens verleiht (aus diesem Grund handelt es sich auch um ein gesuchtes und teuer gehandeltes Ingredienz ..). Glaubt das jemand? Gibt es im Buddhismus Kastenunterschiede? (Gibt es nicht). Wie kann man feststellen, dass jemand schon zum siebten Mal als Brahmane wiedergeboren wurde? Ist das eine buddhistische Lehrbehauptung? Es handelt sich um eine von tausend Varianten indischen Volksglaubens, der von Hindu-Schriften kommend in einige buddhistische Tantras gewandert ist. Sagen die Kommentatoren der Texte das an diesen Stellen? Sie sagen es nicht.


Was ich anregen möchte:

Menschen, welche den inneren Sinn der Tantras selbst erfahren möchten, mögen sowohl üben als auch die Texte, welche die Grundlagen der Praxis sind, historisch-kritisch analyiseren. Dann hätten wir in absehbarer Zeit ein paar Übende, die sich mit den Texten sehr gut auskennen und über ihre eigene Praxis reflektieren, eine Tätigkeit die im heute üblich gewordenen stumpfsinngen Nachplappern von Aussagen der vermeintlichen Autoritäten schmerzlich fehlt.

Ebenso wünschenswert - aber das ist ein anderes Thema - wäre eine Verbreitung (natur-)wissenschaftlichen Wissens unter zeitgenössischen Übenden tantrischer und magischer Künste. Die klassischen Magier Europas waren alle wissenschaftlich gebildet, häufig in fortgeschrittener Art. Bei meinen früheren Seminare habe ich mich immer wieder gewundert, was für Dinge die Leute so glauben. Da ich mir schon als Jugendlicher viel Wissen in Physik, Chemie und Mathematik angeeignet habe und die Entwicklungen noch heute verfolge, bin ich da etwas empfindlich.
Auf einem buddhistischen Seminar vor ein paar Jahren habe ich erläutert, dass die Lehren der Quantenphysik keinen Widerspruch bilden zu den Lehren des Buddha über die Natur der Phänomene. Ich dachte mir, das wäre didaktisch klug, nicht mit religiösen Dingen zu kommen, sondern mit klarer Wissenschaft. Daraufhin wurde mir von einem Teilnehmer beschieden, dass die Quantenphysik nur eine Theorie wäre. Dass die Quantenfeld-Beschreibung des Elektromagnetismus (QED-Theorie) nach Feynman experimentell gewonnene Daten auf elf Dezimalstellen genau vorhersagen konnte, muss nicht jeder wissen, aber wie Naturwissenschaft funktioniert, sollte man in der Schule gelernt haben. Eine Teilnehmerin an einem Magie-Seminar schoss den Vogel ab, indem sie mich fragte, ob ich an die Evolution glaube!
Sinngemäßes gilt auch für die Geisteswissenschaften. Wenn wir eine tausend Jahre alte indische Tantra-Lehre im Europa des 21. Jahrhunderts erfolgreich verwirklichen wollen, wird das etwas mehr Einsatz unseres Gehirns erfordern als daran zu glauben, dass es sich um alte, immer noch gültige Weisheiten handelt, oder an das Esoteriker-Gerede von irgendwelchen Energien, die uns "höher schwingen" lassen. Es gibt da so Sachen wie Philosophie, Religionswissenschaft, Soziologie, Geschichte, ....

Wissen, Wagen, Wollen, Schweigen
Wieso steht in dieser bekannten Kurzzusammenfassung des ganzen magischen Pfades Wissen an der ersten Stelle?


Zum Abschluss noch zwei Zitate, die meinen eigenen Bezug zu Wissenschaft treffend illustrieren:

"Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic"
Arthur C. Clarke, Science Fiction Schriftsteller, u. a. 2001: A Space Odyssey

"Any sufficiently advanced form of magick will appear indistinguishable from science"
Peter J. Carroll, PsyberMagick, Ch. 4

Passend zum Thema dieser Seite mein Text: Was auf dem Tantra-Pfad nicht gelehrt wird - eine Abgrenzung von Systemen des Glaubens


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