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Die Quellen der Tantras erforschen


Tantrische Lehren wurden zunächst ausschließlich mündlich gelehrt, das trifft auch auf alle frühen indischen Religionen zu, auch die umfangreichen Veden und der Kanon des Urbuddhismus wurden auswendig gelernt. Diese Tatsache macht es unmöglich, die Anfänge exakt zu datieren. Ab ungefähr 600 n. Chr. kam es zu den ersten schriftlichen Aufzeichnungen von Tantras, nicht selten wirken diese wie ungeordnete Aufzeichnungen mündlicher Erklärungen, die Texte werden mit der Zeit immer umfangreicher, es gibt Kommentare, Zusammenfassungen und so weiter. Die hinduistischen und buddhistischen Tantras entwickeln sich parallel. Im Fall der im zeitgenössischen tantrischen Buddhismus wichtigen Anuttara- bzw. Yogini- oder Mutter-Tantra-Klasse (dazu gehören zum Beispiel das Chakrasamvara- und das Hevajra-Tantra) lässt sich eindeutig zeigen, dass die Inhalte und Methoden zu beträchtlichen Teilen aus älteren shivaitischen Tantras entnommen wurden. Eine detaillierte Arbeit zu diesem Thema hat der britische Indologe Alexis Sanderson verfasst:
The Śaiva Age: The Rise and Dominance of Śaivism during the Early Medieval Period, 300p, pdf, hier vom Autor zur Verfügung gestellt.

Ein tieferes Verständnis der tantrischen Quellen erfordert auf jeden Fall das gleichberechtigte Studium buddhistischer und nicht-buddhistischer Quellen, die von Buddhisten häufig zu hörende Aussage, dass buddhistische Lehren den shivaitischen überlegen seien, entbehrt von der Wirkung her jeder faktischen Grundlage und ist nichts weiter als sektiererische religiöse Propaganda. Es lässt sich im Gegenteil sogar nachweisen, dass in der Frühzeit der Tantras viele Übende buddhistische und shivaitische (und vishnuitische usw.) Tantras gleichberechtigt praktizierten.



Samadhi des Raums, gemalt von Kalasiddhi, private Sammlung

Die Quellen sind in Sanskrit abgefasst, der indischen Gelehrten- und Religionssprache, aber von Anfang an auch in anderen indischen Sprachen, die tantrischen Übertragungslinien bewegten sich häufig außerhalb der brahmanischen Sanskrit-Kultur. Manche, aber keineswegs alle buddhistischen Tantras sind nur in tibetischen Übersetzungen aus dem Sanskrit erhalten, die Originale sind verloren gegangen. Da viele Tantras Zitate aus älteren Tantras enthalten, wissen wir von zahlreichen Tantra-Quellen, die verloren gegangen sind - zum Teil von beträchtlichem Umfang. Es handelte sich häufig um handschriftliche Manuskripte, die nur innerhalb der Kreise der Praktizierenden kursierten, oft bedingt durch das indische Klima in schlechtem Zustand, das erleichtert die Erforschung auch nicht gerade, gilt es doch vor einer Übersetzung zuerst eine verlässliche Edition in der Originalsprache zu erstellen.

Die europäische akademische Indologie hat sich lange Zeit von tantrischen Texten ferngehalten und sich nur mit den Texten der „klassischen“ indischen Literatur befasst, die Tantras wurden oft geringschätzig bewertet - zum Beispiel mit dem Urteil "schlechtes Sanskrit". In Wirklichkeit wollten diese Gelehrten ihre Karriere nicht mit Forschungen über Texte gefährden, die explizite sexuelle Rituale und zahlreiche magische Praktiken enthalten. Das Sanskrit dieser Texte ist tatsächlich nicht "rein", sondern oft mit Elementen anderer indischer Sprachen vermischt, es handelt sich eben um eine andere Stufe von Sanskrit. Die größte Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass die Texte zum Teil in einer verschlüsselten Sprache abgefasst sind, welche zwar die Worte erkennen lässt, nicht aber die Bedeutung im Kontext. Diese erschließt sich in Wirklichkeit nur denen, welche die Lehren auch praktizieren und die mündlichen Erläuterungen von einem Halter der Übertragungslinie hören.

Seit ungefähr 1980 lässt sich in der amerikanischen und europäischen Indologie ein Trend beobachten, sich frei von Prüderie und kulturellem Vorurteil an Übersetzungen tantrischer Quellen zu wagen. Der Anteil unter den Gelehrten, welche die Methoden auch selbst praktizieren, wird ebenfalls immer größer. Diese erfreuliche Entwicklung hat uns umfangreiche, nach allen Regeln der Kunst übersetzte und kommentierte Textausgaben tantrischer Quelltexte (und alter Kommentare) in die Hand gegeben. Es ist noch lange nicht alles übersetzt, was existiert, aber einige wesentliche Werke, die einen tiefen Einblick geben, sowohl hinduistische als auch buddhistische Tantras.

Wir sind heute in der glücklichen Lage, verlässliche Übersetzungen von tantrischen Quelltexten lesen zu können, was die unabdingbare Voraussetzung von tantrischer Praxis darstellt.

Allerdings scheint sich all das noch nicht herum gesprochen zu haben. Tantra ist ja in aller Munde – ich kenne aber kein einziges Angebot von „Tantra-Seminaren“ im deutschsprachigem Raum (und ich kenne nicht nur viele Anbieter persönlich, ich beobachte auch die Angebote in dieser Szene), welches mit tantrischen Quelltexten arbeitet. Viele gebrauchen sogar Begriffe wie "Traditionelles Tantra" oder "Ritualweg", aber nie wird die "Tradition" näher erwähnt – eine solche beruht stets auf einem tantrischen Quelltext - es handelt sich also stets um Neo-Tantra. Das ist nichts Schlechtes, ich sehe das als eine gute Voraussetzung für den Einstieg in ursprüngliches Tantra. Ich lade hiermit Tantra-Anbieter ein, sich mit quelltextbezogenem Tantra zu befassen.

Dann gibt es noch die Anhänger des tibetischen Buddhismus (in Deutschland wenigstens 50 000, vielleicht auch deutlich mehr Menschen), dieser definiert sich immer über die indischen buddhistischen Tantras. Die schon lange übersetzten Quelltexte (Hevajra-Tantra, Chakrasamvara-Tantra, Guhyasamaja-Tantra, …) sind seltsamer Weise in diesen Kreisen nahezu unbekannt. Die Praxis in diesen Gruppen nimmt auf die Quellen meistens keinerlei Bezug, bekannt sind nur kurze tibetische Praxistexte, oft auch lange – aber dann hauptsächlich aus Gebeten bestehend. Sexuelle Methoden, auf die in allen drei erwähnten Quelltexten bereits in den Eingangsversen angespielt wird, sind in solchen Gruppen nicht existent, aber viele Wirkungen werden genau durch diese Übungen erzielt. Die Schöpfer der Tantras waren keine Mönche, welche keine sexuellen Methoden üben dürfen, wie es bei tibetischen Lehrern oft der Fall ist. In den Quelltexten spielen Mönche keine Rolle.

Diese Quellen beruhen durchwegs auf einer Geisteshaltung, welche die "reine Sichtweise" genannt wird. In dieser gibt es kein Gut und Böse, kein Erlaubt und Verboten, kein Rein und Unrein. Die sogenannten negativen Emotionen werden nicht unterdrückt, sondern für den Pfad genutzt. Von all dem ist in diesen Gruppen nichts zu bemerken, es herrscht eine ständige Angst vor "bösem Karma" und es wird ständig versucht, sich von irgendwelchen Vergehen zu reinigen, sogar von solchen aus früheren Leben. Ich lade auch Buddhisten aller Richtungen ein, quelltextbezogenes buddhistisches Tantra zu praktizieren.

Eine Schwelle besteht wohl darin, dass die Übersetzungen tantrischer Quellen größtenteils nur in Englisch vorliegen, daran wird sich aufgrund der Gegebenheiten in der Gelehrtenwelt und des Buchmarkts in absehbarer Zeit nichts ändern. Es scheint jedenfalls so, dass diese Texte in der angelsächsischen Welt etwas mehr Aufmerksamkeit erhalten als hierzulande.

Es ist ein persönliches Anliegen von mir, die Inhalte der tantrischen Quelltexte und die damit untrennbar verbundene Praxis im deutschsprachigem Raum bekannter zu machen, weil es sich um tiefgründige Lehren handelt, die sich auch von Europäern des 21. Jahrhunderts nutzbringend und freudenbringend anwenden lassen – in einer entsprechend erschlossenen und adaptierten Form. Die tantrischen Mysterien entwickeln sich ständig weiter und passen sich an neue Umstände und Kulturen an – es handelt sich nicht um tote Traditionen.

Ich lade alle Menschen ein, die sich für tiefschürfende Methoden der Bewusstseinserweiterung interessieren, die Quelltexte der Tantras durch Studium und Praxis zu ergründen. Diese enthalten hoch entwickelte, in einem oft Jahrhunderte langen Prozess immer mehr verfeinerte Methoden, welche eine oft erstaunliche Erweiterung der körperlichen, emotionellen, intellektuellen, kreativen Fähigkeiten bewirken.


Hier einige Links auf Webseiten von Gelehrten, die tantrische Quelltexte erforschen, mit vielen online verfügbaren Arbeiten.


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